Sean: So finster die Nacht …

Ich hielt mich schon den ganzen Abend im Hin­ter­grund und war darauf bedacht, Cath möglichst viel Freiraum zu lassen. Wenn sie etwas brauchte, musste sie mich nur fra­gen und anson­sten ver­hielt ich mich schweigsam; saß auf einem Stuhl in ein­er unbeleuchteten Ecke, blät­terte in der aktuellen Aus­gabe des Forbes Mag­a­zine, eine schwere Beretta griff­bere­it im Brusthol­ster und warf ab und zu einen Blick auf die sich schlaf­los hin und her wälzende Frau im Bett neben mir. Die Tat­sache, dass ich mich auf Kalebs Anweisung hin die ganze Zeit in ihrem pri­vat­en Wohn­bere­ich aufhielt, um stets in ihrer Nähe zu sein, sollte möglichst nicht zu ein­er zusät­zlichen Belas­tung für sie wer­den. Ich sah ihr nur zu deut­lich an, wie sehr die Schwanger­schaft an ihr zehrte; die dun­kler wer­den­den Augen­ringe, der müde Blick und die fahle Farbe ihrer Haut sprachen in let­zter Zeit für sich. Es schmerzte mich, sie so zu sehen — und nicht nur ein­mal hat­te ich mich gefragt, ob ihr Kör­p­er zwei so der­maßen beschle­u­nigte Schwanger­schaften inner­halb kurz­er Zeit über­haupt verkraften kon­nte.

Mein Blick fol­gte ihr besorgt, als sie schließlich aus dem Bett glitt und unruhig durch den Raum ging; das aufgeschla­gene Heft auf meinem Schoß war vorüberge­hend vergessen. Doch Cath war eine aus­ge­sprochen starke Frau, die bish­er alle Her­aus­forderun­gen gemeis­tert hat­te. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie auch die Geburt von Kalebs Sohn über­standen und kon­nte wieder zu Kräften kom­men. Sog­ar jet­zt, in diesem geschwächt­en und hochschwan­geren Zus­tand, war sie wun­der­schön; ich kon­nte mir nicht vorstellen, dass es eine zweite Frau auf dieser Welt gab, die ihren Kugel­bauch auch nur annäh­ernd so anmutig vor sich her trug wie sie. Wie so oft ruhte mein Blick auf ihrer schmalen Sil­hou­ette, als sie reg­los und mit dem Rück­en zu mir am Fen­ster stand, san­ft beschienen von den vielfälti­gen Lichtern der Nacht, die draußen über Boston lag. Dort, wo ihre warme Hand das Fen­ster berührte, beschlug es leicht und zeich­nete so die Kon­turen ihrer viel zu knochi­gen Fin­ger auf das Glas. Ich kon­nte ihre wach­sende Anspan­nung beinah fühlen; nahezu greif­bar schwebte sie in der nächtlichen Stille des Schlafz­im­mers. Und da war noch mehr; so vieles, was ich mit meinen vam­pirischen Sin­nen wahrnahm, wenn ich es nur zuließ. Ihr schwach­er, würziger Duft, der aufgewühlte Herz­schlag; Atemzug um Atemzug, jed­er davon fast ein wenig müh­sam. “Wenn du hier bist … wer achtet dann da draußen auf meinen Gefährten, Sean …”, durch­brach Caths Stimme das Schweigen, und ich run­zelte besorgt die Stirn.

Bere­its seit Tagen ver­suchte ich, möglichst viel Gelassen­heit auszus­trahlen; ihr keinen auch nur gerin­gen Anlass zur Sorge zu geben. Sie war hochschwanger und völ­lig erschöpft; jede Aufre­gung wäre pures Gift für sie und das unge­borene Kind. Aber das änderte alles nichts daran, dass ich ihr ins­ge­heim zus­tim­men musste. Ich wusste, dass Kaleb im Augen­blick an etwas sehr Großem dran war, etwas das, wenn heute Nacht alles gut ging, dem Orden einen ersten schw­eren Schlag mit­ten in die Weichteile ver­set­zen würde. Wir hat­ten schließlich lange genug darauf hingear­beit­et. Und dass ich hier war, anstatt mit ihm dort draußen zu sein; dass ich seine Gefährtin bewachte, hier, in einem Gebäude, das mit der aus­gek­lügelt­sten Sicher­heit­stech­nik in weit­em Umkreis aus­ges­tat­tet und somit jedem Hochsicher­heits­ge­fäng­nis weit über­legen war, gren­zte gewis­ser­maßen an Para­noia. Und doch … An Kalebs Stelle hätte ich ver­mut­lich auch nicht anders gehan­delt. Ich erhob mich, legte die Zeitschrift bei­seite und trat zu Cath. Meine Hand legte sich warm auf ihre Schul­ter und ich begeg­nete dem Blick ihres Spiegel­bilds in der weitläu­fi­gen Glas­fläche vor uns. “Mach dir keine Sor­gen, Cath. Er hat seine besten Män­ner dabei, und er weiß sehr genau, was er tut.”

Ich trat zwei Schritte zurück, als sie sich zu mir umwandte; begeg­nete ihr mit einem zuver­sichtlichen Lächeln. Mein Gott, aus der Nähe erkan­nte ich erst, wie müde sie wirk­lich war. Kaleb sollte bess­er schon recht bald wieder zurück sein; sie brauchte sein Blut genau­so sehr wie seine Anwe­sen­heit, damit sie endlich für ein Weilchen zur Ruhe kam. Ich presste die Lip­pen aufeinan­der, während meine Aufmerk­samkeit über die aschfahlen Züge der Frau vor mir glitt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir inständig wün­schte, ihr bei­des geben zu kön­nen. “Was hat er dir gesagt, wo er heute Nacht ist?” — Ich wich ihrem Blick aus, als sie näher kam und schüt­telte langsam den Kopf. “Bitte, Cath, tu dir das nicht an.” Doch sie ließ nicht lock­er. Natür­lich wusste ich, wo er war — und ich wusste auch ganz genau, was er vorhat­te. Vor allen Din­gen aber war mir klar, mit wem er sich anlegte, und genau das war es, was meine sorgsam zur Schau gestellte Gelassen­heit Lügen strafte. Ich sollte bei ihm sein. Aber gle­ichzeit­ig wollte ich auch nichts so sehr, wie hier bei Cath zu sein. Jemand musste schließlich auf sie acht­en, auch wenn es unwahrschein­lich war, dass sie hier im Tow­er in Gefahr geri­et. Aber genau­so gut kon­nte sie plöt­zlich die Wehen bekom­men oder es kon­nte etwas mit dem Kind sein — oder aber sie brach endgültig unter der Erschöp­fung zusam­men, die sie so grausam zeich­nete. Jemand musste sie auf­fan­gen, und dieser Jemand würde ich sein, solange Kaleb nicht in der Nähe war. “Er ist auf ein­er … etwas heiklen Mis­sion”, antwortete ich auswe­ichend, aber so weit es ging, wahrheits­gemäß. Genau­so wenig, wie ich mein Ver­sprechen Kaleb gegenüber brechen wollte, wollte ich Cath ins Gesicht lügen müssen. “Aber wie gesagt, du musst dich nicht sor­gen. Es ist alles von langer Hand geplant und vor­bere­it­et. Er wird sich nicht mehr als unbe­d­ingt nötig in Gefahr begeben, schon allein, weil er weiß, dass du und sein unge­borenes Kind hier auf ihn wartet. Du kennst ihn doch — Kaleb über­lässt nie irgend­was dem Zufall.”

Ver­mut­lich redete ich mit diesen Worten eher mir selb­st ein, dass es keinen Grund zur Beun­ruhi­gung gab, aber hier und jet­zt war ein­fach auch über­haupt kein Platz dafür, meine eigene innere Unrast nach außen drin­gen zu lassen. Alles, was Cath brauchte, war Ruhe und ein sicheres, sta­biles Umfeld. Ich legte behut­sam eine Hand zwis­chen ihre Schul­terblät­ter, um sie mit san­fter Bes­timmtheit zurück zum Bett zu führen. “Komm, Cath … setz dich doch wenig­stens. Du siehst müde aus. Und hör auf, dich mit solchen Gedanken zu quälen. Kaleb ist doch bish­er immer zu dir zurück­gekehrt, warum sollte es aus­gerech­net heute anders sein?”

Neferu-Ptah: Gebrandmarkt

So mochte allein das Wis­sen darüber, was von ihr erwartet wurde, Neferu-Ptah dazu zwin­gen, langsam zu nick­en, nach­dem Chef­tu sie gefragt hat­te, ob sie die Male sah und sie ballte ihre schmalen, kleinen Hände zu zit­tri­gen Fäusten, während sie gegen die Furcht ankämpfte, den Kör­p­er aufrichtete und das Kinn hob, wie die Pries­terin­nen es sie gelehrt hat­ten. Trotz stieg mit einem Mal in ihr auf — sie kon­nte sowieso nicht fliehen, war gefan­gen wie ein Kan­inchen in der Falle und von allen Seit­en anges­tar­rt. Dann würde sie es eben allen zeigen! Die kleine Her­rin kon­nte nichts gegen die Angst aus­richt­en, die ihr die Knie weich wer­den ließ, doch sie würde sie um keinen Preis zeigen. Sie zog die Nase hoch und blinzelte die Trä­nen weg, dann fol­gte sie Chef­tu, den Blick stur auf den Ifrit geheftet, als würde sie ihn als ihr unauswe­ich­lich­es Schick­sal akzep­tieren, auch, wenn sie schon jet­zt wusste, dass sie ihn noch viel mehr fürchtete als Chef­tu — und außer­dem has­ste sie ihn. Als würde der Dämon ihre Empfind­un­gen erwidern, begann dieser plöt­zlich an seinen Ket­ten zu zer­ren und der gesamte Palast erzit­terte erneut, nur, dass die kleine Her­rin und alle Anwe­senden sich nun im Epizen­trum des Bebens befan­den. Sie schrak trotz aller guten Vorsätze zurück, blieb ste­hen und rang sowohl um ihr Gle­ichgewicht, als auch um ihre Fas­sung, als die Angst ihr erneut die Kehle zuschnürte. Atme, kleine Her­rin, konzen­triere dich auf deine Atmung, erk­lang die Stimme der Hohe­p­ries­terin in ihrer Erin­nerung und Neferu-Ptah klam­merte sich an dieses kleine Rit­u­al, von dem die Pries­terin­nen der Isis ihr gesagt hat­ten, sie könne jedes­mal wieder darauf zurück­greifen, wann immer ihr ein Hin­der­nis unüber­wind­bar erschien oder Furcht sie in ihren Entschei­dun­gen ein­schränk­te. Die tiefe Atmung in die Kör­per­mitte hinein, dor­thin, wo die Kraft der Sonne ruhte, stärk­te und nährte den Kör­p­er, klärte den Geist und die Sicht auf die Dinge, so dass man mutig und frei voran­schre­it­en kon­nte. Chef­tus War­nung kam im sel­ben Moment und die kleine Her­rin nick­te erneut langsam, dann ging sie entschlossen weit­er.

Der Blick des Ifrit schien sich bis in Neferu-Ptahs noch kindliche Seele hineinzufressen und seine Worte dröh­n­ten, groll­ten, loderten wie ein verzehren­der und erschüt­tern­der Nach­hall in ihr. Noch ein­mal wan­derte der Blick der kleinen Her­rin hil­fe­suchend gen Chef­tu, als der Dämon von ihr ver­langte, vor ihm niederzuknien. Es war nicht ein­fach für ein junges Mäd­chen, sich der her­rischen Befehle eines solch machtvollen Wesens zu wider­set­zen und mit jedem Wort schürte er ihre Angst nur noch mehr, bis sie glaubte, ihr nicht mehr gewach­sen zu sein. Doch Chef­tu blieb unnachgiebig, eben­so wie der Dämon. Sie schluck­te. Allein der Totenbeschwör­er würde ihr Zit­tern spüren, sobald sie eben­falls nach dem Bran­deisen griff und sich über den toben­den Ifrit beugte, während Chef­tu bere­its die Formeln murmelte. Die kleine Her­rin fühlte sich wie ein fil­igraner Zweig, welch­er zwis­chen zwei Ele­menten erbar­mungs­los zer­brochen wurde. In all der Hitze perlte längst Schweiß auf ihrer Stirn und tränk­te einzelne, samtig schwarze Haarsträh­nen; gle­ich­wohl aber war ihr tief im Inner­sten eiskalt. Am lieb­sten hätte sie die Hände hochgeris­sen und auf ihre Ohren gepresst, die Augen fest zugeknif­f­en und sich vorgestellt, all dies hier sei nur ein übler Traum, aus dem sie jeden Moment wohlbe­hütet erwachen würde. Doch sie kon­nte, durfte es nicht. “Bleib stark, Prinzessin!”, hörte sie Amen­emhet III. liebevoll und erfüllt von zufrieden­em Stolz flüstern, als das Eisen sich qual­mend in die Brust des Ifrit bran­nte, zugle­ich mit dessen Blick, einem glutvollen Dolch gle­ich, dun­kler noch als des Mäd­chens eigene furchter­füllte Schwärze, der wider­stand­s­los Neferu-Ptahs See­len­spiegel durch­stach und sie von innen her­aus zu ent­flam­men schien. Es mochte der Moment sein, in dem die kleine Her­rin ihre Kind­heit und Unschuld endgültig und für immer hin­ter sich ließ.

Laura J.: Der Feind in mir

Lau­ra schnaubte und funkelte ihn ärg­er­lich an. “Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt — klar doch! Mir scheint, du hast genau­so wenig Ahnung von Men­schen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hin­stellst! Wir steck­en in unseren Kör­pern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefüh­le. Und wir sind von fes­ter Materie umgeben, die wir nicht ein­fach mal eben durch­drin­gen oder umfor­men kön­nen, wenn es uns ein­fällt. Uns fehlt nun ein­mal etwas Wesentlich­es, das uns vom Fluss abschnei­det. Das hat nichts mit der ober­sten Exis­tenz zu tun, son­dern ein­fach nur mit Real­is­mus! Mit dein­er Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaf­fen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Voll­mond die Kon­trolle über mich übern­immt, vielle­icht irgend­wann auch ein­mal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwun­gen bin, und das bin ich ja offen­sichtlich, weil du mir wieder ein­mal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgend­wann ein­mal aus ein­er neuen Per­spek­tive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebe­we­sen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlen­den Voll­mondau­gen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Exis­tenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegen­teil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchge­s­tanden, aber jet­zt frage ich mich, wofür? Mein ganzes ver­dammtes Leben scheint plöt­zlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das ver­stehst, Magi­er! Es gibt da näm­lich eine Sache, die dir fehlt: Begren­zung. Eben­so, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu über­winden — Magie.”

Sie seufzte und zog die Schul­tern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. “Natür­lich hast du recht, wenn man die Rela­tio­nen zueinan­der sieht, aber das macht doch nur den großen Unter­schied deut­lich­er. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisen­leben mit meinen Men­schenau­gen zu sehen und durch meine Men­schen­fähigkeit­en ihre Prob­leme zu lösen.” Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weit­erzus­prechen. “Ich werde schon gejagt, weil ich manch­mal nachts durch die Straßen irre und mich hin­ter­her nicht mehr daran erin­nern kann. Denkst du wirk­lich, das alles ein­fach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Moti­va­tion, mich mit der Bestie in mir anzufre­un­den?”, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hat­te, sie doch nach­den­klich. “Weißt du … ver­mut­lich habe ich nur deshalb zuges­timmt, als deine Cho­sen One in einen so irrwitzi­gen Kampf zu gehen, weil ich ohne­hin lebens­müde bin. Am Ende hat es somit wenig­stens irgend einen Sinn gemacht.” Lau­ra riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. “Und jet­zt bring mir ein paar Tricks bei!”

Geryon: Wahre Liebe

„… uuu­und weis­su wash? D‑der …“ Ich rülp­ste laut­stark, als ich aus der Schenke taumelte. „… beeschissener … Wellen­gang mal wieder …“, meinte ich zu meinem imag­inären Kumpel, denn ent­ge­gen mein­er Überzeu­gung war mir nie­mand aus dem Inneren gefol­gt. Nein, ganz im Gegen­teil, in der Schenke ging es mit­tler­weile erst richtig hoch her; grölen­des Gelächter und derbe Sprüche weht­en auf die Straße – oder bess­er gesagt den aufgewe­icht­en Tram­pelp­fad vor dem Haus her­aus, zusam­men mit ein­er Welle übler Gerüche. Kohlein­topf machte sich nicht gut, wenn man ihn mit einem hal­ben Fass bil­ligem Fusel mis­chte, und dann auch noch dieser eklige Ges­tank nach Schweinescheiße … „Ich w… wun­dere mich eeeern­shthafs, dassh die dash Dr-reck­shloch noch nish ssu­jeg­macht haben!“, ließ ich ver­laut­en, während ich mich an der näch­sten Straßen­later­ne ger­ade noch abf­ing. Scheiße, ich kon­nte mich ger­ade irgend­wie nicht mehr daran erin­nern, wie ich über­haupt auf das Schiff gekom­men war. Geschweige denn, wann dieser üble See­gang aufgekom­men war, man kon­nte sich ja kaum auf den Beinen hal­ten! Und immer diese Schw­erkraft, die einem dazwis­chen funk­te, wenn man ein­fach nur mal eben von A nach B wollte! „V‑vom …“ Dies­mal hielt ich mir den mit Dreck ver­schmierten Arm vor den Mund, als ich lau­thals rülp­ste und dann in einen don­nern­den Schluck­auf ver­fiel. Ich besaß schließlich Manieren! „… B‑bug ssum … Heck“, nick­te ich wild und umarmte einen Moment später innig meinen imag­inären Fre­und, die … Pfer­de­tränke.

Hop­pala, da war ich wohl doch noch über meine eige­nen Füße gestolpert, hat­te dabei ja aber doch ein, ahm … her­ab­hän­gen­des Segel, jawohl, also ein Segel erwis­cht, nur dass das Mist­d­ing irgend­wie viel zu schnell nach­gab. Ver­dammt, außer­dem stank es sog­ar an der frischen Seeluft erbärm­lich! „Sscheiße. W‑wie reine Kacke.“ Obwohl … Halt! Langsam hob ich den Blick, schick­te ihn über ein Paar eigentlich doch äußerst dufte Beine, einen schlanken Kör­p­er und … Moment mal. Das musste jet­zt wirk­lich Ein­bil­dung sein. Auf einem Schiff gab es nichts, was so köstlich nach Weibchen roch, nicht ein­mal die Huren, denn die stanken genau­so erbärm­lich wie der Kohlein­topf, gemis­cht mit ranziger Muschi, was in etwa der Schweinescheiße gle­ichkam. Ich steck­te den Kopf kurz­er­hand ins eiskalte Wass­er; was mir unver­mit­telt den Schock fürs Leben ver­passte, so dass ich nur Momente später prus­tend wieder auf­tauchte und mich schüt­telte wie ein nass­er Hund. „Oh.“ Schnell kämpfte ich mich zurück auf die Beine, als ich ver­schwom­men fest­stellte, dass das Weibchen sich immer noch nicht in Luft aufgelöst hat­te, und dass ich es ger­ade so richtig erfrischend und wohltätig meinen feinen, total über­stra­pazierten Geruchssinn stre­ichel­nd fand. Jet­zt wo der Ges­tank nach Schweine­dreck ein wenig nachge­lassen hat­te, umrun­dete ich sie schwank­end, ein bre­ites Grin­sen auf den Lip­pen, wobei ich es sehr schade fand, unter der Kapuze kein Gesicht erken­nen zu kön­nen. „W‑wash me-eine …“ Mein Schluck­auf war jet­zt noch wilder gewor­den, so dass mich das Hick­sen bei beinah jed­er Silbe unter­brach und ich dabei wieder beden­klich ins Wanken geri­et. „… hi-hin-reißhen-den, fass-assinie-ren… den … A‑Augen nicht W‑wun­der­sh-shamesh … er-blick­en!“ Poe­sie war immer schon mein Steck­enpferd gewe­sen. Und meine tief­blauen Augen waren wirk­lich faszinierend. Man kon­nte in ihnen ertrinken. Oh ja. Und wenn ich sie ganz groß machte und ganz treuherzig guck­te, dann … dann … hat­te ich qua­si schon gewon­nen! Ich hat­te es eben ein­fach drauf, die Frauen lagen mir zu Füßen! Alle! „Oh ho-holde … M‑Maid … sho blei-ibt doch … sh-shteh’n!“ Schon griff ich nach ihrem Arm, als sie sich abwandte und fort­ge­hen wollte, wobei ich etwas zu spät merk­te, dass die schnelle Bewe­gung mich prak­tisch von den Füßen riss und … ich mit beinah meinem vollem Gewicht gegen — oder bess­er gesagt auf die junge Dame stürzte.

 

[Gery­on trifft Ariel; nach einem feucht­fröh­lichen Abgang aus der Dorf­schenke und ein­er kurzen, aber inni­gen Bekan­ntschaft mit einem Haufen Schweine-Exkre­mente. *16./17.11.2015]

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerk­samkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzen­tri­ert, hört dem Mann kaum zu, der ger­ade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinan­der, bis mein Rock sich über den Ober­schenkeln span­nt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trom­meln sacht gegen ein Bein des Tis­ches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vor­bei und gibt vor, kein­er­lei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es bess­er. Er inter­essiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm inter­essiert sich nie­mand für mich. Ich lege den Kopf in den Nack­en, drücke den Oberkör­p­er durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusam­men, bändi­ge die dun­klen Sträh­nen zu einem neuen Zopf. Plöt­zlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder tre­f­fen. Er sieht ärg­er­lich aus, fast so, als wollte er mich jet­zt schla­gen. Mein Magen zieht sich zusam­men, mein Herz rast vom Adren­a­lin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufre­gen­der als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheim­nis zwis­chen uns bei­den, zwis­chen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erre­icht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Fre­undin­nen. Ich kann seinen Blick im Rück­en spüren, als er mir nach­sieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mäd­chen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prick­eln im Nack­en; ich kann seine Erre­gung fast kör­per­lich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit ein­er son­der­baren Kraft, so als wür­den Funken zwis­chen meinen Fin­ger­spitzen tanzen.

*****

Tiefe Schat­ten liegen zwis­chen den Bäu­men; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mut­probe, mit der die Jungs uns Mäd­chen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt lock­er in mein­er Hand, ich springe leicht­füßig den schmalen Pfad ent­lang, den ich auch ohne das Tages­licht gut genug kenne, um mich nicht zu ver­laufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkel­heit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Sur­ren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Som­mer-Irrlichter ein­fan­gen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwap­pen, es ist schon spät in der Nacht und die meis­ten Dorf­be­wohn­er sind betrunk­en. Plöt­zlich vernehme ich Schritte hin­ter mir; kleine Kiesel knirschen unter schw­erem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlis­cht erschrock­en, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte näh­ern sich, auch sie sind schneller gewor­den. Ich höre meinen eige­nen Herz­schlag trom­meln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich ste­hen, drehe mich ganz plöt­zlich um, rechne damit, dass ein­er der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Auf­gabe zu erschw­eren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist kein­er mein­er Fre­unde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hun­gri­gen Augen. Ich kenne sie, und auch dies­mal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erle­ichtert, ein bekan­ntes Gesicht zu sehen. Aber jet­zt fühlt es sich vol­lkom­men anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunk­en zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vor­bei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziem­lich gefährlich aus, wie ein Raubti­er auf der Jagd. Immer noch spricht kein­er von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vor­bei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fall­en, ver­suche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach bil­ligem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton her­vor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden gewor­fen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft weg­bleibt. Stun­den später ergießt sich die aufge­hende Sonne über meine nack­te Haut. Heißes Blut benet­zt meine Schenkel und ein wüten­der Schmerz tobt in meinem Unter­leib. Mein Kleid ist zer­ris­sen, das Haar­band ver­loren, die Fin­gernägel abge­brochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wöl­bung meines Bauch­es kaum noch ver­ber­gen. Ich trage die weit­en Klei­der mein­er Mut­ter; sie weiß es und hil­ft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit nie­man­dem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Mor­gen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich füh­le mich so beschmutzt, und diese vie­len Blicke, die mich ver­fol­gen, ich kann mich nicht vor ihnen ver­steck­en. Ich weiß, dass sie es wis­sen, jed­er kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum son­st soll­ten sie mich so anstar­ren? Sie wis­sen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich has­se dieses Ding, das in meinem Bauch her­an­wächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswer­den, mit einem Stein habe ich auf es eingeschla­gen und gehofft, dass sein Herz ste­hen­bleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht ein­fach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jed­er ken­nt ihn, jed­er spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fort­ge­hen, fort von hier. Mut­ter wird mir helfen. Ich ertrage diese vie­len Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dick­en Bauch sehen. Wir gehen in die Wild­nis, dor­thin, wo die Tiere die Nachge­burt fressen. Mut­ter wird dafür sor­gen, dass ich dieses Ding, das aus mir her­auskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich has­se es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunk­er muss ein Ver­mö­gen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir ste­ht. Er trägt feine Klei­dung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Hal­bglatze; sie sind zum größten Teil schon grau gewor­den. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dun­kle, hun­grige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebo­ge­nen Degen an seinem Gür­tel. Ich kann spüren, wie das Met­all seines Eherings über meine Haut gleit­et, als er mit sein­er dick­en Hand über mein Knie stre­icht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufäl­lig eine Hand unter meinen Rock­saum, reibe mit dem Dau­men über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedanken­los, den Blick nun wieder auf den kost­baren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erre­gung spüren. Sie füllt mich mit ein­er eige­nar­ti­gen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusam­menge­ballt hat. Es wäre so ein­fach – ich müsste es nur irgend­wie hin­ter mich brin­gen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich kön­nte sie ein­tauschen, gegen mehr Brot, als ich über­haupt tra­gen kann, und Körbe voll von diesen wun­der­baren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir auf­steigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich wider­set­ze? Wird er sich dann nicht trotz­dem holen, was er will? Hier ist kein Men­sch, weit und bre­it. Zumin­d­est kein­er, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrschein­lich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mäd­chen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blick­en muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich kön­nte meinen leeren Magen monate­lang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkel­nden Stein, der wahrschein­lich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jet­zt nicht mehr so fre­undlich an. Meine Chance ent­gleit­et mir. Ich kann es schnell hin­ter mich brin­gen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe ver­legen meinen Rock­saum zurecht und ste­he auf. Män­nern wie ihm gefällt die Vorstel­lung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazmin­ka. Jazmin­ka Borilo­va“, lüge ich nach ein­er Weile und rolle dabei das R mit mein­er Zunge, wie es der Fürst ange­blich tut. Ich habe ihn noch nie gese­hen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augen­blick­lich aus der Ver­gan­gen­heit und dem wirren angstvollen Kon­strukt her­aus, in das ich mich geflüchtet hat­te und beförderte mich san­ft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jet­zt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicher­heit wieder dieser alles umfan­gen­den Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirnge­spinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hin­ter dieser Berührung steck­te, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in ver­gan­genen Schreck­en fest, fühlte wed­er Selb­stver­ach­tung, noch die Schmerzen und die Demü­ti­gun­gen, die schon längst hin­ter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jet­zt greif­bar, sie war ein unsicht­bares und unwider­ru­flich­es Band, intimer als jedes Wort, jed­er Kuss, jede Umar­mung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und sein­er Natur entsprach als es jede Dis­tanz, jed­er Zweifel, jede furcht­same Leug­nung, die der Ver­stand mir einzure­den ver­suchte, je sein kön­nte. Was Clay in mir her­vor­rief, waren Mut und Stärke, waren Wild­heit und Treue, war eine Ergeben­heit, die nichts mit Erniedri­gung zu tun hat­te, son­dern mein wahres Wesen auf diese san­fte, uner­schüt­ter­liche Weise ansprach, wie es nur der Alpha kon­nte. Er war hart­näck­ig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange fes­thielt, bis seine innere Ruhe und Zuver­sicht mich wie ein wär­mender Strom füllte, meine Trä­nen ver­siegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger wer­den ließ. Jet­zt kon­nte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stun­den; ich wusste nicht, wie viel Zeit verg­ing, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich kon­nte ein­fach zulassen, was zwis­chen uns war, ohne es auch nur einen Augen­blick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sog­ar ohne zu ver­suchen, es zu ver­ste­hen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich fes­thiel­ten, und der uner­schüt­ter­liche Strom sein­er Liebe, der mein Inner­stes aus­füllte; mit ihrer puren Inten­sität jegliche Möglichkeit ein­er anderen Empfind­ung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, ein­fach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehn­lich­er, als geweckt wer­den, aus dem Gefäng­nis ihrer men­schlichen Gestalt befre­it wer­den; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hin­ter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt wor­den, dass ich nichts wert war, und doch hat­te ich immer wieder einen Weg gefun­den, wenig­stens mir selb­st zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hat­te mich aus meinen Fes­seln befre­it, auch wenn diese Frei­heit immer nur vorüberge­hend war; hat­te hart und still und heim­lich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelun­gen, ent­ge­gen aller Widrigkeit­en. Bis zu diesem heuti­gen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille einge­brochen war. Clay ent­fachte ihn, ent­fachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich kon­nte es spüren, deut­lich­er und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Fin­ger an sein­er Brust zusam­men zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd ver­gruben. „Vielle­icht war und bin ich genau­so wenig Men­sch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Über­lebenswillen gab; die Kraft immer weit­er zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazuge­hört, und den­noch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Tat­en, für die sie Allahs Namen miss­braucht­en …“ Plöt­zlich zit­terte ich, run­zelte von einem furcht­samen Beben erfasst die Stirn und senk­te meine Lid­er. „Hast du … es gese­hen? Ich meine, hast du es … mitange­se­hen?“ Es ver­strichen ein paar bange Momente, in denen ich sein­er Antwort har­rte. Dann biss ich mir leicht auf die Unter­lippe, ließ kurz die Zun­gen­spitze fol­gen, als ich den Blick hob und ihn ver­trauensvoll in seinen legte. „Wird das von jet­zt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erin­nerte mich daran, dass er gesagt hat­te, er hätte mein Leben an sich gebun­den. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeu­tung dessen noch nicht annäh­ernd ver­stand. Ich hat­te nicht die ger­ing­ste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirk­lich in ihm wohnte und was dieser Mit­ter­nachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit uner­schüt­ter­lich­er Gewis­sheit: Dass ich ihm fol­gen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm fol­gen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hat­te. Ich wollte fort aus der Welt der Men­schen, die mir immer so fremd gewe­sen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lip­pen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Nor­maler­weise hat­ten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeu­tungslose Nacht. Er ver­ließ sie meist noch im Mor­gen­grauen, und wenn er sie über­haupt mit nach Hause genom­men hat­te, dann gab er noch im Hin­aus­ge­hen Anweisun­gen, dafür zu sor­gen, dass sie ver­schwun­den waren, sobald die Sonne aufging. Das hat­te ein­er­seits damit zu tun, dass er kein­er­lei Inter­esse daran hat­te, das biss­chen Zeit, das ihm zwis­chen­durch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren — auch, wenn es so manch­er Frau vielle­icht gefall­en hätte. Die meis­ten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäen­samm­lung um einen beson­ders dick­en Fang zu erweit­ern und das schnell­st­möglich ihren Fre­undin­nen zu erzählen, was Jayce in weit­er­er Folge wohl genau jenen ein­schlägi­gen Ruf ein­brachte, der in der gesamten Damen­welt kur­sierte. Oft boten sie sich ihm auch scham­los an, um im unpassend­sten Augen­blick seine Gun­st zu gewin­nen: Ver­sucht­en ihn nach allen Regeln der Kun­st dazu zu ver­führen, hier oder da ein Auge zuzu­drück­en, ein gutes Wort beim Fürsten einzule­gen oder bei der näch­sten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubrin­gen. Er war nie darauf einge­gan­gen; im Gegen­teil, hat­te es ihn doch der­maßen angeekelt, wieder ein­mal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vor­getäuscht­en Schön­heit­en lauerten; welche schmutzi­gen Absicht­en hin­ter süß gehaucht­en Worten steck­ten. Eine hat­te sein Bett sog­ar in Hand­schellen ver­lassen, nach­dem sie ver­sucht hat­te, Jayce zum Kom­plizen für einen feigen Anschlag auf die Fürsten­gat­tin zu machen — sie hat­te nie die Gele­gen­heit dazu gehabt, ihren nack­ten, schein­heili­gen Kör­p­er wieder mit Klei­dern zu bedeck­en.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Rich­tung gedacht, seit er Kerike kan­nte … Ganz beson­ders dann, wenn sich ihr zarter Kör­p­er so unbeson­nen, so unver­hofft sehn­süchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigen­tüm­lich­er Duft ihn ein­hüllte. Aber Jayce war nie­mand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Ver­stand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hat­te nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzu­lassen, war eigentlich ohne­hin schon ein wenig zu weit gegan­gen — denn er wusste, dass er sich das nicht leis­ten kon­nte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicher­heit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einiger­maßen entspan­nt hat­te. Und was auch immer sie behaupten mochte — wenn ihre Sym­pa­thie zum Kom­man­dan­ten sich draußen herum sprach, dann steck­te sie in ern­sthaften Schwierigkeit­en. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunk­e­nen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerk­samkeit ger­at­en, was Kerike dur­chaus leicht zu einem begehrten Opfer machen kon­nte. Wenn Jayce zuließ, dass zwis­chen ihnen eine wirk­lich tiefe, emo­tionale Bindung ent­stand, dann machte er nicht nur sich selb­st, son­dern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das — nun, das hat­te sie ganz ein­fach nicht ver­di­ent. Ja, wenn er wirk­lich anf­ing, darüber nachzu­denken, dann bereute er es jet­zt zutief­st, sie nicht von Anfang an ein­fach ignori­ert zu haben. Aber es war unmöglich gewe­sen. Sie war so …

Er nick­te lächel­nd, als sie ihn fra­gend ansah und wartete, bis sie sich von dem Sol­dat­en aus dem Sat­tel helfen hat­te lassen, ehe er selb­st abstieg und ihr langsam hin­ter­her kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeis­terung, genoss es, wie die Emo­tio­nen ihre Züge zum Leucht­en bracht­en. Ja, sie war wie ein flat­tern­der, sin­gen­der klein­er Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu brin­gen war. “Zu Befehl”, schmun­zelte er, als sich die Tür wie von Zauber­hand vor ihnen öffnete und Ste­fan, der But­ler, in weiß behand­schuhter Livree ihnen mit ein­er Ver­beu­gung Platz zum Ein­treten machte. “Willkom­men, Herr Fer­gus­son!”, begrüßte er Jayce mit ern­ster Miene, zauberte dann aber sogle­ich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. “Einen wun­der­schö­nen guten Abend, die Dame”, galt ihr sodann sein fre­undlich­er Gruß. “Guten Abend, Ste­fan”, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Haus­es folge und der But­ler die Türen hin­ter ihnen wieder schloss. Sie fan­den sich in ein­er weitläu­fi­gen Ein­gang­shalle wieder; der auf Hochglanz polierte Stein­bo­den, der eine ähn­lich feine Maserung aufwies wie Mar­mor, war von roten Läufern durch­zo­gen. Schwere Kerzen­lus­ter taucht­en den Raum in gold­enes Licht und an den Wän­den spielte eine Unzahl von Reflex­io­nen, wo auch immer die Flam­men von den Blei­glas­trä­nen gebrochen wur­den, die die Leucht­en zierten.

Große Töpfe mit exo­tis­chen Pflanzen haucht­en der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine aus­ladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befan­den sich großzügige Kor­ri­dore, durch die man weit­er ins Innere des Haus­es gelangte. “Nun … zum einen mit Ste­fan — er küm­mert sich um alle Annehm­lichkeit­en und ver­ste­ht zudem auch recht viel davon, das Haus handw­erk­lich in Schuss zu hal­ten.” Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Haus­es, nur über einen kleinen Grund­stock an Bedi­en­steten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend sel­ten mehr als das Nötig­ste an Arbeit an. “Und dann …” Seine weit­eren Worte erübrigten sich, oder gin­gen genau genom­men schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit paus­bäck­igem Gesicht und vom Leben geröteten Wan­gen die Kellertreppe her­aufkam. Ihr pech­schwarzes Haar hat­te sie zu einem dick­en Knoten auf dem Hin­terkopf gebun­den, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Sträh­nen zurück­zuhal­ten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fie­len. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen ent­ge­gen. “Miester Fär­gas­son!”, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartof­feln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit aus­ge­bre­it­eten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie bei­de gle­ichzeit­ig in eine über­schwängliche Umar­mung schließen. “Wielkomen, wielkomen! Und cher­zlich­es Wielkomen auch die entzieck­ende junge Dame!” Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwe­sen­heit von Ljud­mi­la gelang es selb­st ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune ansteck­en zu lassen. Sie war eine typ­is­che rus­sis­che Mamusch­ka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, son­dern schenk­te ihm nur ein bre­ites Lächeln, ergriff aber sogle­ich Kerikes Hand mit ihren bei­den schwieli­gen, run­zeli­gen Hän­den und strahlte sie ger­adezu an, während ihr Blick einen ver­schwörerischen Zug annahm. “Chabe ich glieck­liche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Fär­gas­son wierd cheute Abend wieder kom­men zurieck! Bin iech cheute gegan­gen und fri­esche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…” Sie blinzelte, als sie bemerk­te, dass sie wieder ein­mal schneller gesprochen als gedacht hat­te und zog grin­send die Augen­brauen hoch, Kerikes Hand immer noch fes­thal­tend. “Chast du sich­er auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knoche­lich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwis­chen chieb­sche Zäh­nchen.”

“Kerike, wenn ich dir Ljud­mi­la vorstellen darf — sie ist die gute Seele dieses Haus­es und zudem bes­timmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr steck­en noch viel mehr Qual­itäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.” Er grin­ste Ljud­mi­la flüchtig an, als teil­ten die bei­den ein paar Geheimnisse miteinan­der und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljud­mi­la küm­merte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hin­ter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wis­sen, was vor allem auch die ein­heimis­chen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce’ Arbeit mit dem einen oder anderen Mit­telchen gezielt unter­stützen zu kön­nen. Zudem ver­stand sie sich auch ein wenig auf die Kräuter­heilkunde — und natür­lich die unver­wech­sel­baren Aromen, die sie mit deren Hil­fe ihren Speisen ent­lock­en kon­nte. “Küm­mere dich gut um sie, Ljud­mi­la — Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.”

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment ver­achtete ich ihn. Ich ver­achtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es lock­er gekon­nt hätte. Und am meis­ten Ver­ach­tung emp­fand ich dafür, dass er ihn ein­fach hin­nahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstal­ten zu machen, sich zur Wehr zu set­zen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kan­nte. Ich kon­nte sehen, riechen, fühlen, wie er inner­lich kurz vor der Explo­sion stand und sich trotz­dem zurück­hielt, und ich kon­nte nicht anders, als ihn dafür zu ver­acht­en. Zumin­d­est … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kom­men sah, so wut­sprühend wie ich ihm all meine Ver­ach­tung in Worten ent­ge­gen spuck­te. Er sprang mich an wie ein ent­fes­sel­ter Berserk­er; ich hat­te keine Chance, über­haupt zu reagieren oder auch nur über­rascht zu sein, don­nerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereis­ten, von ein­er dün­nen Schneeschicht bedeck­ten Boden, dass zu allen Seit­en gefrorene Eiskristalle auf­s­to­ben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messer­schnitt an mein­er Wange spüren kon­nte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich wed­er regen, noch dem irren Lachen nachgeben kon­nte, das mir plöt­zlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hat­te mich schon so daran gewöh­nt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erle­ichterung war. Sollte er doch zuschla­gen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurück­zuschla­gen, denn das war ver­dammt nochmal etwas, wom­it ich bestens umge­hen kon­nte! Ganz im Gegen­satz zu den um Wel­ten härteren Schlä­gen, die er jet­zt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, wom­it ich über­haupt nicht klar kam; das war etwas, was wirk­lich wehtat und was ich nicht ein­fach mit meinem Kör­p­er und zusam­menge­bis­se­nen Zäh­nen abfan­gen kon­nte. Und ich ver­stand … Mit einem Mal ver­stand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes müh­sam unter­drück­te Beben von Schmerz in sein­er Stimme. Hätte er mit einem Mess­er in meinen Eingewei­den gewühlt, es hätte nicht ver­nich­t­en­der sein kön­nen. Ich war mir so … so ver­flucht sich­er gewe­sen, dass ich bere­it war, bere­it, jet­zt endlich hinzuse­hen, mir das Leid anzuse­hen, das ich ver­schuldete, nach­dem ich mehr als ein halbes Jahrhun­dert lang die Augen davor ver­schlossen hat­te. Aber ich war es nicht; wäre ver­mut­lich niemals bere­it dafür gewe­sen. Wir bei­de wussten, wie Recht er mit dem hat­te, was er mir an den Kopf warf – und wir bei­de wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selb­st galt.

Basmah: Seelensplitter

Er hat­te gelächelt. Er… hat­te mich angelächelt, noch im sel­ben Moment, wo seine Augen brachen; wo mein pur­er, rein­er, ungezügel­ter Hass seinen Kör­p­er mit Kugeln durch­set­zte, das wert­lose, niederträchtige Leben aus ihm her­aus­fet­zte, ihn zer­störte, ihn für alle Zeit­en von dieser Erde tilgte, damit er nie, niemals wieder jeman­dem etwas antun, keine Frau mehr anfassen kon­nte. Ich kon­nte an nichts anderes mehr denken, als dieses Lächeln, dieses tri­umphale Lächeln, mit dem Jay seinen let­zten Atemzug tat, und das sich noch tiefer in mich ein­bran­nte als seine Schläge, seine bru­tale Inbe­sitz­nahme; noch tiefer als das Bren­nen seines heißen Samens in meinem wun­den Inneren. Es bran­nte sich tief in meine Seele. Ich hat­te mir geschworen, nie wieder zum Opfer zu wer­den, mich niemals wieder so miss­brauchen und erniedri­gen zu lassen, und doch … doch hat­te ich es zuge­lassen. Noch im Tod war seinem Gesicht deut­lich anzuse­hen, dass er genau das bekom­men hat­te, was er gewollt hat­te.

Ich würgte, als bit­tere Galle meine Kehle hoch stieg, würgte sie wieder hin­unter, bebte und zit­terte, mein Blick starr und schock­geweit­et; kon­nte ihn nicht von dem lächel­nden Gesicht des Mannes abwen­den, der sich an mir ver­gan­gen hat­te. Ich fuhr heftig zusam­men, als sich warme Hände um meine legten, mir die Waffe abnah­men; eine dun­kle, wohlbekan­nte Stimme san­ft auf mich einre­dete. Mein Zit­tern ver­stärk­te sich noch bei der behut­samen Berührung meines Gesichts; ich kon­nte nicht … kon­nte nicht denken, kon­nte mich nicht los­reißen, kon­nte nichts anderes tun, als zu star­ren; dieses Lächeln, immer wieder dieses Lächeln, für die Ewigkeit kon­serviert. Instink­tiv ver­steifte sich mein Kör­p­er, als ich schließlich hochge­hoben wurde; diese Nähe, sie erin­nerte mich, sie … bei Allah, ich kon­nte … kon­nte diese Nähe nicht ertra­gen, ich wollte … wollte … Den Blick immer noch auf Jays Züge fix­iert, grub ich meine Fin­ger in Clays Schul­ter, presste meine Hand­flächen gegen ihn, in dem halb­herzi­gen Ver­such, mich aus dieser viel zu kör­per­lichen Nähe zu befreien, doch er drück­te mich nur fes­ter an sich, hielt mich, hielt mich zusam­men, damit ich nicht in tausend Stücke zer­brach. Und dann … endlich, ver­schwand der Anblick des lächel­nden Toten aus meinem Sicht­feld, und meine innere Wölfin erin­nerte mich. Erin­nerte mich an die Wärme, die mich umgab, den kraftvollen, schützen­den Alpha, der mich auff­ing, das Einzige auf dieser Welt, das mir so nah war, so nah, dass es mich instink­tiv immer wieder berührte; mein­er ver­wun­de­ten Seele ein Zuhause gab. Und ich weinte, als die Trä­nen endlich kamen, weinte bebend und zit­ternd und schluchzend, die Fin­ger in Clays Hemd und mein Gesicht an seinem Hals ver­gaben.

Basmah: “… Mistkerl!”

Er … er kon­nte bei mir gar nichts erre­ichen, mit diesem Blick, gar nichts! Ich dachte ja über­haupt nicht daran, auch nur einen Augen­blick lang nicht wütend auf ihn sein zu kön­nen, oder … oder eher zu wollen; ich dachte nicht, nein, nicht EINEN Herz­schlag lang an die exo­tis­che graublaue Tiefe sein­er Augen oder … — bei Allah! — … oder sog­ar die Weich­heit sein­er Lip­pen, um die herum sich diese viel zu ver­lock­enden Lügen aus kleinen Grübchen bilde­ten, als er lächelte. Ich dachte an gar nichts davon, pah! Als kön­nte dieser unge­ho­belte Kerl mich mit solchen plumpen kleinen Tricks aus dem Konzept brin­gen! Ein­hal­tung mein­er Pflicht­en … Meine Sicher­heit? Ich schnaubte. Mich hat­te noch nie jemand vor irgen­det­was beschützt, also kon­nte er get­rost ganz schnell wieder seine dreck­i­gen großen Pfoten von mir nehmen; als ob ich seinen Schutz nötig hätte, jet­zt, wo mir prak­tisch schon alles zugestoßen war, was mir über­haupt passieren kon­nte – inklu­sive dieses … dieses … Und übri­gens, dieses vib­ri­erende, total un… unmen­schliche, jawohl, dieses Knur­ren, das sich für einen Mann, der etwas auf sich hielt, über­haupt nicht gehörte und das meine innere Wölfin von Unruhe gepackt im Kreis tänzeln ließ, aus­gerech­net jet­zt – das kon­nte er sich auch sonst­wo hin­steck­en!

Plöt­zlich ging ein Ruck durch ihn und ehe ich mich ver­sah, hing ich wehrlos­er als noch zuvor über sein­er Schul­ter, drück­te ebendiese mir in den Bauch, dass mir vor Schreck Momente lang die Luft weg­blieb und ich erstar­rte, ver­s­tummte aber vor allen Din­gen völ­lig. Das leise “Pling” des Aufzugs, das von unser­er Ankun­ft an der Erdober­fläche kün­dete, klang für mich fast ein biss­chen schaden­froh, und dann ver­nahm ich eine zweite männliche Stimme, die von irgend­wo genau dort herkam, wo sich jet­zt mein Hin­terteil befand! Ich spürte, wie sich das Blut heiß in meinen Wan­gen sam­melte und sie zum Glühen, nein, ger­adezu zum Bren­nen brachte, und das nicht nur, weil ich kopfüber hing und bei jedem Schritt prak­tisch gezwun­gen – ja, gezwun­gen! – war, aus entset­zt geweit­eten Augen direkt auf Chan­dlers uner­hört gut geformte Rück­an­sicht zu star­ren. Nein, es war die pure Scham, die mir die Röte ins Gesicht trieb, dicht gefol­gt von ein­er unbändi­gen Wut, die mich nur noch mehr beschämte. Wie kon­nte er nur! Wie kon­nte er mich nur auf eine so unzüchtige Weise vor aller Welt bloß stellen; mich in eine solch hil­flose und unvorteil­hafte Sit­u­a­tion brin­gen? Ich ver­suchte, um keinen Preis daran zu denken, wie viele für mich unsicht­bare Augen­paare ger­ade schon wieder auf mich gerichtet sein mocht­en, und noch viel weniger hat­te ich vor, mich dies­mal ein­fach so zu ergeben! Ich krallte meine Fin­ger in seinen Rück­en, und es war mir dabei egal, ob ich ihm wehtat. Obwohl … Moment. Nein, ich … ich wollte ihm wehtun, oh ja, ich würde ihn zerkratzen bis er blutete, und wenn das nicht reichte, dann würde ich außer­dem beißen, würde ihm so lange wehtun und dabei mit den Füßen vor seinem Gesicht herum zap­peln, bis er mich endlich runter ließ! Ich has­ste ihn! Ja, ich … ich HASSTE IHN, diesen ver­dammten … „… قذر !!!“, ent­fuhr es mir, wobei meine Stimme zwar nur einem schnei­den­den Zis­chen glich, doch in Wahrheit nichts anderes als ein hör­bares, wildes Zäh­ne­fletschen war.

Erschrock­en biss ich mir auf die Unter­lippe, als mir bewusst wurde, was mir da eben über die Lip­pen gekom­men war, und fühlte, wie sich die Schames­röte auf meinen ohne­hin schon sig­nal­rot leuch­t­en­den Wan­gen noch weit­er ver­tiefte. Vergessen waren die Schreck­en, die dort unten im Bunker auf mich lauerten, vergessen die Angst, die Bek­lem­mung, die erdrück­ende Panik, die mir die Luft zum Atmen abgeschnürt hat­te. Jet­zt ger­ade war Chan­dler der Inbe­griff mein­er per­sön­lichen Schmach. Als ich endlich erkan­nte, dass es nur einen Weg gab, wieder aus dieser unendlich beschä­menden Sit­u­a­tion her­auszukom­men, weil ich sowieso nicht gegen seine Kör­perkraft ankam, hörte ich auf, mich gegen ihn zur Wehr zu set­zen und atmete erschöpft durch. Trä­nen bran­nten mir in den Augen und inzwis­chen bran­nten auch meine Lip­pen, weil ich sie mir nahezu wund gebis­sen hat­te, nur, um den ganzen Rest an Beschimp­fun­gen gegen ihn nicht auch noch aus Verse­hen loszuw­er­den. Ich würde diesen Scheißk­erl nie wieder, niemals wieder … — und zwar NIE! — auch nur eines Blick­es würdi­gen, dessen kon­nte er sich sich­er sein, oder ein einziges Wort mit ihm sprechen. Von mir aus kon­nte er sich in Luft auflösen, denn genau das würde er ab sofort für mich sein: Nichts als pure Luft. Und vol­lkom­men unsicht­bar. Luft kon­nte man übri­gens auch nicht hören. Auf jeden Fall musste man ihr nicht zuhören, und deshalb kon­nte er sich aus seinen Anweisun­gen von mir aus ein Krönchen flecht­en. „Lassen Sie mich runter“, flüsterte ich schließlich kraft­los, und mein Puls häm­merte wild, dröh­nte mir in den Ohren. „… bitte.“

( قذر [qaðir] – Mis­tk­erl!)