Jayce: Für sie alle!

Kaum ein­er kan­nte die unterirdis­chen Tun­nel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehe­ma­lige Kom­man­dant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verän­dert hat­te, seit Jayce vor über einem hal­ben Jahr fort­ge­gan­gen war, so waren diese doch geblieben — wenn nicht sog­ar noch weit­er aus­ge­baut wor­den. Anders wäre es ihm wohl kaum gelun­gen, unbe­hel­ligt bis an die Stadt­mauern her­anzukom­men und sich schließlich mit Sim­mons‘ Hil­fe durch einen Seit­enein­gang Zugang zu ver­schaf­fen. Hen­ry Sim­mons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Fre­und und Lands­mann wohl ret­tungs­los ver­loren gewe­sen. Als Anführer von Jayce‘ per­sön­lich­er … nun, nen­nen wir es ein­mal ‘Leib­wache’, hat­te Sim­mons schon immer enge Kon­tak­te zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Ein­heit sein­er Män­ner zur Unter­stützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbe­d­ingt unter eigen­em Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wis­sen, um zu ver­ste­hen, dass es ein Leicht­es für Sim­mons war, unter anderem hier und da ein­mal Per­so­n­en oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewe­sen, der inmit­ten gefährlich­ster Unruhen dafür gesorgt hat­te, dass sie die Stadt unbeschadet hat­te ver­lassen kön­nen. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Sim­mons die Schuld für Kerikes Ver­schwinden in die Schuhe schieben kon­nte. Genau­so wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Din­gen fer­tigzuw­er­den, um Antworten zu find­en, die ihm wenig­stens zum Weit­er­leben reicht­en? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selb­st zu vergeben; sich mit sein­er Schuld zumin­d­est soweit zu arrang­ieren, dass sie ihm nicht in jedem einzel­nen Augen­blick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrück­enden Gewichts der Gewis­sheit, des Unwider­ru­flichen, wieder aufrecht ste­hen zu kön­nen? Monat um Monat war ins Land gezo­gen, während Jayce ver­bis­sen und verzweifelt auf der Suche gewe­sen war, auf der Suche nach dem einzi­gen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbe­darfter Liebe in seinem Leben, welch­es ihm auf solch drama­tis­che Weise abhan­den gekom­men war. Er selb­st hat­te alles zer­stört, was je wirk­lich von Bedeu­tung gewe­sen war; nach­dem er Kerike ver­trieben und seinen Fre­und Abbas getötet hat­te, von der Dämonin hämisch für all das ver­lacht, war seine ganz per­sön­liche Nieder­lage besiegelt gewe­sen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzip­i­en gewe­sen; ein Mann mit ein­er harten Schale, loy­al bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es let­z­tendlich doch geschehen war. Aber Kerike hat­te den Panz­er des Kom­man­dan­ten aufge­brochen, sie hat­te sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hat­ten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Men­sch war. Schwach, ver­let­zlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war ver­mut­lich nicht die beste Idee gewe­sen, nach Elysias zurück­zukehren. Ganz beson­ders nicht nach allem, was er in den let­zten Monat­en gel­ernt und erfahren hat­te. Jayce wusste, er set­zte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzu­machen; dass Sim­mons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch sel­biges kon­nte er von son­st nie­man­dem mehr erwarten. Allein in sein­er eige­nen Vil­la war er immer noch willkom­men; Ljud­mi­las Wan­gen hat­ten vor Schreck und Freude zugle­ich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekom­men war. Sie hat­te eine Schüs­sel mit dampfend­er Suppe fall­en lassen und Jayce mit einem halb erstick­ten „Miester Fär­gas­son!“ in ihre kräfti­gen Arme gezo­gen, dass ihm kurz die Luft wegge­blieben war. Selb­st der But­ler Ste­fan tat immer noch unbeir­rt seinen Dienst und auf sein­er son­st so unbe­weglichen Miene hat­te sich gar ein Lächeln abgeze­ich­net, als er seinen Dien­s­ther­rn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Sim­mons hat­te sich während Jayce‘ Abwe­sen­heit wirk­lich um alles geküm­mert; selb­st die von Van­dalen einge­wor­fe­nen Fen­ster hat­te er repari­eren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewe­sen.

Also hat­te er sich ein paar Tage lang in sein­er Vil­la aufge­hal­ten; selb­st den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gese­hen zu wer­den. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weit­erge­hen kon­nte. So schön es auch war, von Ljud­mi­las Kochkün­sten ver­wöh­nt und durch ihre Her­zlichkeit bemut­tert zu wer­den, so schön auch all die Annehm­lichkeit­en waren, auf die er so viele Monate hat­te verzicht­en müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekom­men war. Geschützt hin­ter ver­hangenen Fen­stern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwe­sen patrouil­lierten, kon­nte er sich vielle­icht eine Weile vor­ma­chen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erin­nerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hat­te zu viel gese­hen, zu viel erlebt auf sein­er lan­gen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden kon­nte. Aus Jayce Fer­gus­son war ein ander­er Mann gewor­den; ein­er, der die Missstände nun wirk­lich kan­nte, der sie am eige­nen Leib erfahren hat­te und dessen Herz so viele hun­dert Male gebrochen war, dass er irgend­wann beschlossen hat­te, wieder aufzuste­hen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.