I. — Wiederkehr

“Du warst lange fort”, meint die Köni­gin san­ft, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie gibt mir niemals das Gefühl, ihr zu etwas verpflichtet zu sein, niemals auch nur einen Hauch zuviel der Nähe. Und den­noch glaube ich einen leicht vor­wurfsvollen Unter­ton in ihren Worten zu vernehmen. Sil­brig spielt ihr langes Haar um die schmalen, dunkel ver­hüll­ten Schul­tern, ein stetiger, sachter Wind­stoß lässt sie nicht zur Ruhe kom­men. “Trotz­dem habe ich nie daran gezweifelt, dass du zurück kommst.”

Ich ver­suche angestrengt auszu­machen, was sie wohl dort am Hor­i­zont sieht, was ihre Aufmerk­samkeit wohl so sehr zu fes­seln ver­mag, dass das Gefühl der traut­en Zweisamkeit zwis­chen uns dieses Mal vol­lkom­men aus­bleibt. Ein wenig schmerzt es mich zwar, doch zieht dieser Schmerz schnell vorüber, wie ein flüchtiger Besuch­er; wie so viele vor ihm, seit ich wieder ganz bin. “Ich weiß nicht ein­mal genau, warum …”, antworte ich und wende mich ab, grabe wie früher die nack­ten Zehen in den nachtkühlen Sand und beobachte mich dabei. “Es fällt mir nicht leicht loszu­lassen, da ist so vieles, was mir lieb ist. Ich trauere um das Ver­gan­gene, obwohl ich ganz genau weiß, dass nur das Jet­zt wirk­lich zählt … Dass es echt ist und früher vieles nur Lüge war. Ich habe es nicht bess­er gewusst.” Plöt­zlich steckt mir ein dick­er Kloß im Hals und schnürt mir die Luft ab, treibt mir die Trä­nen in die Augen und ich schäme mich für meine Schwäche. Es gäbe noch so viel zu sagen, ihr muss ich es doch erk­lären, wenig­stens ihr! Doch ich bringe kein Wort her­vor, wehre mich wütend gegen das Selb­st­mitleid.

Eine Hand legt sich auf meinen Arm, kalt ist sie, wie das Meer im Win­ter, und den­noch ist da endlich etwas Ver­trautes in der Berührung. Sie schweigt und ich weiß, dass dieses Schweigen absolutes Ver­ständ­nis bedeutet — ich kenne sie, doch sie ken­nt mich bess­er. Ich schlucke die Trä­nen herunter und lege die eigene Hand auf jene schmale, kalte, welche so zer­brech­lich ist, dass ich sie kaum zu berühren wage. “Ich bin zuhause angekom­men und kann es kaum ertra­gen. Was ich jet­zt lebe, das habe ich immer nur geträumt, geschrieben, es waren Geschicht­en!” Ich halte kurz inne, um mich zur Ruhe zu zwin­gen, ehe meine Stimme ver­rä­ter­isch zit­tert. Sie wird mich trotz­dem durch­schauen. Ich kann nicht anders, obwohl ich genau weiß, dass es vergebens ist. “Ich habe niemals wirk­lich daran geglaubt.”

Sie umarmt mich ein­fach, wort­los, so, als hät­ten wir alle Zeit der Welt, schweigt lange, haucht nur kalten Atem in mein wirres Haar. “Lass es ein­fach zu, lass es geschehen. Glaube daran, denn es ist Real­ität. Hör auf zu zweifeln, nur, weil du denkst, dass du dein Glück nicht ver­di­enst. Lass los. Dir kann nichts passieren, du bist wohlbe­hütet und geliebt.”

Ich weiß nichts darauf zu sagen, bin tief getrof­fen und füh­le mich gläsern wie immer unter ihrem Blick. Wir ste­hen lange schweigend im Mondlicht, innig umarmt wie ein Liebe­spaar und ver­mö­gen uns doch nicht mehr gegen­seit­ig zu wär­men.

 

//20.05.2010, re-mas­tered 2015