I. — Wiederkehr

“Du warst lange fort”, meint die Köni­gin san­ft, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie gibt mir niemals das Gefühl, ihr zu etwas verpflichtet zu sein, niemals auch nur einen Hauch zuviel der Nähe. Und den­noch glaube ich einen leicht vor­wurfsvollen Unter­ton in ihren Worten zu vernehmen. Sil­brig spielt ihr langes Haar um die schmalen, dunkel ver­hüll­ten Schul­tern, ein stetiger, sachter Wind­stoß lässt sie nicht zur Ruhe kom­men. “Trotz­dem habe ich nie daran gezweifelt, dass du zurück kommst.”

Ich ver­suche angestrengt auszu­machen, was sie wohl dort am Hor­i­zont sieht, was ihre Aufmerk­samkeit wohl so sehr zu fes­seln ver­mag, dass das Gefühl der traut­en Zweisamkeit zwis­chen uns dieses Mal vol­lkom­men aus­bleibt. Ein wenig schmerzt es mich zwar, doch zieht dieser Schmerz schnell vorüber, wie ein flüchtiger Besuch­er; wie so viele vor ihm, seit ich wieder ganz bin. “Ich weiß nicht ein­mal genau, warum …”, antworte ich und wende mich ab, grabe wie früher die nack­ten Zehen in den nachtkühlen Sand und beobachte mich dabei. “Es fällt mir nicht leicht loszu­lassen, da ist so vieles, was mir lieb ist. Ich trauere um das Ver­gan­gene, obwohl ich ganz genau weiß, dass nur das Jet­zt wirk­lich zählt … Dass es echt ist und früher vieles nur Lüge war. Ich habe es nicht bess­er gewusst.” Plöt­zlich steckt mir ein dick­er Kloß im Hals und schnürt mir die Luft ab, treibt mir die Trä­nen in die Augen und ich schäme mich für meine Schwäche. Es gäbe noch so viel zu sagen, ihr muss ich es doch erk­lären, wenig­stens ihr! Doch ich bringe kein Wort her­vor, wehre mich wütend gegen das Selb­st­mitleid.

Eine Hand legt sich auf meinen Arm, kalt ist sie, wie das Meer im Win­ter, und den­noch ist da endlich etwas Ver­trautes in der Berührung. Sie schweigt und ich weiß, dass dieses Schweigen absolutes Ver­ständ­nis bedeutet — ich kenne sie, doch sie ken­nt mich bess­er. Ich schlucke die Trä­nen herunter und lege die eigene Hand auf jene schmale, kalte, welche so zer­brech­lich ist, dass ich sie kaum zu berühren wage. “Ich bin zuhause angekom­men und kann es kaum ertra­gen. Was ich jet­zt lebe, das habe ich immer nur geträumt, geschrieben, es waren Geschicht­en!” Ich halte kurz inne, um mich zur Ruhe zu zwin­gen, ehe meine Stimme ver­rä­ter­isch zit­tert. Sie wird mich trotz­dem durch­schauen. Ich kann nicht anders, obwohl ich genau weiß, dass es vergebens ist. “Ich habe niemals wirk­lich daran geglaubt.”

Sie umarmt mich ein­fach, wort­los, so, als hät­ten wir alle Zeit der Welt, schweigt lange, haucht nur kalten Atem in mein wirres Haar. “Lass es ein­fach zu, lass es geschehen. Glaube daran, denn es ist Real­ität. Hör auf zu zweifeln, nur, weil du denkst, dass du dein Glück nicht ver­di­enst. Lass los. Dir kann nichts passieren, du bist wohlbe­hütet und geliebt.”

Ich weiß nichts darauf zu sagen, bin tief getrof­fen und füh­le mich gläsern wie immer unter ihrem Blick. Wir ste­hen lange schweigend im Mondlicht, innig umarmt wie ein Liebe­spaar und ver­mö­gen uns doch nicht mehr gegen­seit­ig zu wär­men.

 

//20.05.2010, re-mas­tered 2015

Basmahs Traum I

Ich träumte …

Ich träumte, wie ich allein in weit­er Ferne stand; sah auf mich herab, wie ich wit­ternd den Kopf hob, die Ohren gegen den Wind drehte, lauschend, aufmerk­sam. Da war nichts, kein Hauch von Leben außer mir in jen­er unendlichen Weite; bis zum Hor­i­zont hin nur Sand und Hitze, Hitze und Sand. Wie eine heiße, sen­gende Lohe leck­te eine um die andere Bö wild an mir, riss an meinem Fell, durch­wühlte und ver­wirbelte es, peitschte mir die Wüste wie beißende Gis­cht ins Gesicht. Doch ich stand aufrecht, aufrecht und allein, trotzte dem wüten­den, lebens­feindlichen Ansturm, die Pfoten tief im heißen Unter­grund ver­graben. Immer tiefer sank ich ein, doch mein Herz, meine Sinne waren wach und auf einen Punkt weit außer­halb der Szener­ie fokussiert, wartend, regungs­los, voller unge­broch­en­er Zuver­sicht. Und dann schälte sich sein Umriss aus der flir­ren­den Hitze; langsam, unbeir­rt in sein­er ganzen kraftvollen und stolzen Ele­ganz kam er auf mich zu. Ich blick­te ihm ent­ge­gen, senk­te den Kopf erst, als er mich erre­ichte, seine Schnau­ze sich liebkosend in das Fell an mein­er Schul­ter ver­grub. Und schloss demütig die Augen.

Basmah: Seelensplitter

Er hat­te gelächelt. Er… hat­te mich angelächelt, noch im sel­ben Moment, wo seine Augen brachen; wo mein pur­er, rein­er, ungezügel­ter Hass seinen Kör­p­er mit Kugeln durch­set­zte, das wert­lose, niederträchtige Leben aus ihm her­aus­fet­zte, ihn zer­störte, ihn für alle Zeit­en von dieser Erde tilgte, damit er nie, niemals wieder jeman­dem etwas antun, keine Frau mehr anfassen kon­nte. Ich kon­nte an nichts anderes mehr denken, als dieses Lächeln, dieses tri­umphale Lächeln, mit dem Jay seinen let­zten Atemzug tat, und das sich noch tiefer in mich ein­bran­nte als seine Schläge, seine bru­tale Inbe­sitz­nahme; noch tiefer als das Bren­nen seines heißen Samens in meinem wun­den Inneren. Es bran­nte sich tief in meine Seele. Ich hat­te mir geschworen, nie wieder zum Opfer zu wer­den, mich niemals wieder so miss­brauchen und erniedri­gen zu lassen, und doch … doch hat­te ich es zuge­lassen. Noch im Tod war seinem Gesicht deut­lich anzuse­hen, dass er genau das bekom­men hat­te, was er gewollt hat­te.

Ich würgte, als bit­tere Galle meine Kehle hoch stieg, würgte sie wieder hin­unter, bebte und zit­terte, mein Blick starr und schock­geweit­et; kon­nte ihn nicht von dem lächel­nden Gesicht des Mannes abwen­den, der sich an mir ver­gan­gen hat­te. Ich fuhr heftig zusam­men, als sich warme Hände um meine legten, mir die Waffe abnah­men; eine dun­kle, wohlbekan­nte Stimme san­ft auf mich einre­dete. Mein Zit­tern ver­stärk­te sich noch bei der behut­samen Berührung meines Gesichts; ich kon­nte nicht … kon­nte nicht denken, kon­nte mich nicht los­reißen, kon­nte nichts anderes tun, als zu star­ren; dieses Lächeln, immer wieder dieses Lächeln, für die Ewigkeit kon­serviert. Instink­tiv ver­steifte sich mein Kör­p­er, als ich schließlich hochge­hoben wurde; diese Nähe, sie erin­nerte mich, sie … bei Allah, ich kon­nte … kon­nte diese Nähe nicht ertra­gen, ich wollte … wollte … Den Blick immer noch auf Jays Züge fix­iert, grub ich meine Fin­ger in Clays Schul­ter, presste meine Hand­flächen gegen ihn, in dem halb­herzi­gen Ver­such, mich aus dieser viel zu kör­per­lichen Nähe zu befreien, doch er drück­te mich nur fes­ter an sich, hielt mich, hielt mich zusam­men, damit ich nicht in tausend Stücke zer­brach. Und dann … endlich, ver­schwand der Anblick des lächel­nden Toten aus meinem Sicht­feld, und meine innere Wölfin erin­nerte mich. Erin­nerte mich an die Wärme, die mich umgab, den kraftvollen, schützen­den Alpha, der mich auff­ing, das Einzige auf dieser Welt, das mir so nah war, so nah, dass es mich instink­tiv immer wieder berührte; mein­er ver­wun­de­ten Seele ein Zuhause gab. Und ich weinte, als die Trä­nen endlich kamen, weinte bebend und zit­ternd und schluchzend, die Fin­ger in Clays Hemd und mein Gesicht an seinem Hals ver­gaben.

Basmah: “… Mistkerl!”

Er … er kon­nte bei mir gar nichts erre­ichen, mit diesem Blick, gar nichts! Ich dachte ja über­haupt nicht daran, auch nur einen Augen­blick lang nicht wütend auf ihn sein zu kön­nen, oder … oder eher zu wollen; ich dachte nicht, nein, nicht EINEN Herz­schlag lang an die exo­tis­che graublaue Tiefe sein­er Augen oder … — bei Allah! — … oder sog­ar die Weich­heit sein­er Lip­pen, um die herum sich diese viel zu ver­lock­enden Lügen aus kleinen Grübchen bilde­ten, als er lächelte. Ich dachte an gar nichts davon, pah! Als kön­nte dieser unge­ho­belte Kerl mich mit solchen plumpen kleinen Tricks aus dem Konzept brin­gen! Ein­hal­tung mein­er Pflicht­en … Meine Sicher­heit? Ich schnaubte. Mich hat­te noch nie jemand vor irgen­det­was beschützt, also kon­nte er get­rost ganz schnell wieder seine dreck­i­gen großen Pfoten von mir nehmen; als ob ich seinen Schutz nötig hätte, jet­zt, wo mir prak­tisch schon alles zugestoßen war, was mir über­haupt passieren kon­nte – inklu­sive dieses … dieses … Und übri­gens, dieses vib­ri­erende, total un… unmen­schliche, jawohl, dieses Knur­ren, das sich für einen Mann, der etwas auf sich hielt, über­haupt nicht gehörte und das meine innere Wölfin von Unruhe gepackt im Kreis tänzeln ließ, aus­gerech­net jet­zt – das kon­nte er sich auch sonst­wo hin­steck­en!

Plöt­zlich ging ein Ruck durch ihn und ehe ich mich ver­sah, hing ich wehrlos­er als noch zuvor über sein­er Schul­ter, drück­te ebendiese mir in den Bauch, dass mir vor Schreck Momente lang die Luft weg­blieb und ich erstar­rte, ver­s­tummte aber vor allen Din­gen völ­lig. Das leise “Pling” des Aufzugs, das von unser­er Ankun­ft an der Erdober­fläche kün­dete, klang für mich fast ein biss­chen schaden­froh, und dann ver­nahm ich eine zweite männliche Stimme, die von irgend­wo genau dort herkam, wo sich jet­zt mein Hin­terteil befand! Ich spürte, wie sich das Blut heiß in meinen Wan­gen sam­melte und sie zum Glühen, nein, ger­adezu zum Bren­nen brachte, und das nicht nur, weil ich kopfüber hing und bei jedem Schritt prak­tisch gezwun­gen – ja, gezwun­gen! – war, aus entset­zt geweit­eten Augen direkt auf Chan­dlers uner­hört gut geformte Rück­an­sicht zu star­ren. Nein, es war die pure Scham, die mir die Röte ins Gesicht trieb, dicht gefol­gt von ein­er unbändi­gen Wut, die mich nur noch mehr beschämte. Wie kon­nte er nur! Wie kon­nte er mich nur auf eine so unzüchtige Weise vor aller Welt bloß stellen; mich in eine solch hil­flose und unvorteil­hafte Sit­u­a­tion brin­gen? Ich ver­suchte, um keinen Preis daran zu denken, wie viele für mich unsicht­bare Augen­paare ger­ade schon wieder auf mich gerichtet sein mocht­en, und noch viel weniger hat­te ich vor, mich dies­mal ein­fach so zu ergeben! Ich krallte meine Fin­ger in seinen Rück­en, und es war mir dabei egal, ob ich ihm wehtat. Obwohl … Moment. Nein, ich … ich wollte ihm wehtun, oh ja, ich würde ihn zerkratzen bis er blutete, und wenn das nicht reichte, dann würde ich außer­dem beißen, würde ihm so lange wehtun und dabei mit den Füßen vor seinem Gesicht herum zap­peln, bis er mich endlich runter ließ! Ich has­ste ihn! Ja, ich … ich HASSTE IHN, diesen ver­dammten … „… قذر !!!“, ent­fuhr es mir, wobei meine Stimme zwar nur einem schnei­den­den Zis­chen glich, doch in Wahrheit nichts anderes als ein hör­bares, wildes Zäh­ne­fletschen war.

Erschrock­en biss ich mir auf die Unter­lippe, als mir bewusst wurde, was mir da eben über die Lip­pen gekom­men war, und fühlte, wie sich die Schames­röte auf meinen ohne­hin schon sig­nal­rot leuch­t­en­den Wan­gen noch weit­er ver­tiefte. Vergessen waren die Schreck­en, die dort unten im Bunker auf mich lauerten, vergessen die Angst, die Bek­lem­mung, die erdrück­ende Panik, die mir die Luft zum Atmen abgeschnürt hat­te. Jet­zt ger­ade war Chan­dler der Inbe­griff mein­er per­sön­lichen Schmach. Als ich endlich erkan­nte, dass es nur einen Weg gab, wieder aus dieser unendlich beschä­menden Sit­u­a­tion her­auszukom­men, weil ich sowieso nicht gegen seine Kör­perkraft ankam, hörte ich auf, mich gegen ihn zur Wehr zu set­zen und atmete erschöpft durch. Trä­nen bran­nten mir in den Augen und inzwis­chen bran­nten auch meine Lip­pen, weil ich sie mir nahezu wund gebis­sen hat­te, nur, um den ganzen Rest an Beschimp­fun­gen gegen ihn nicht auch noch aus Verse­hen loszuw­er­den. Ich würde diesen Scheißk­erl nie wieder, niemals wieder … — und zwar NIE! — auch nur eines Blick­es würdi­gen, dessen kon­nte er sich sich­er sein, oder ein einziges Wort mit ihm sprechen. Von mir aus kon­nte er sich in Luft auflösen, denn genau das würde er ab sofort für mich sein: Nichts als pure Luft. Und vol­lkom­men unsicht­bar. Luft kon­nte man übri­gens auch nicht hören. Auf jeden Fall musste man ihr nicht zuhören, und deshalb kon­nte er sich aus seinen Anweisun­gen von mir aus ein Krönchen flecht­en. „Lassen Sie mich runter“, flüsterte ich schließlich kraft­los, und mein Puls häm­merte wild, dröh­nte mir in den Ohren. „… bitte.“

( قذر [qaðir] – Mis­tk­erl!)

Basmah: Um keinen Preis!

Ich kon­nte den Blick des Mannes, der mir an dem kleinen Holztisch gegenüber saß, wie eine bren­nende Lunte über meinen Schei­t­el ziehen spüren, während meine Fin­ger eine um die andere Zeile auf dem Schrift­stück ent­lang fuhren, das vor mir lag. Inzwis­chen hat­te ich jeglich­es Zeit­ge­fühl ver­loren — ein Zus­tand, den ich lei­der schreck­lich gut kan­nte und der so typ­isch für diesen Ort ohne Licht und ohne Leben war. Und ich war mir beinah sich­er, dass ich hier unten, meter­tief unter der ahnungslosen Stadt, auch tat­säch­lich nie eine Uhr gese­hen hat­te. Es mochte sich ver­rückt anhören, und vielle­icht war es das auch, aber noch vor weni­gen Wochen hätte ich nahezu alles nur für eine einzige Kon­stante wie das beständi­ge Tick­en ein­er Uhr in der absoluten, zeit­losen Dunkel­heit mein­er Zelle gegeben; ich hätte die Sekun­den gezählt, mich an jedem noch so winzi­gen Beweis dafür fest­geklam­mert, dass die Welt dort draußen sich immer noch drehte. Doch da war nichts gewe­sen, nichts, außer diesen kalten, rohen Beton­wän­den und dem nack­ten Boden, auf dem ich mir die Hände und Knie wund geschürft hat­te, blind vor mich hin tas­tend. Und da war auch kein Geräusch gewe­sen, außer meinem eige­nen keuchen­den Atem, dem wum­mern­den Herz­schlag, meinem heis­eren, trä­nen­losen und unge­hört verklin­gen­den Schluchzen.

Monate … Monate meines Lebens hat­te ich dort in der Fin­ster­n­is der winzi­gen Zelle für immer ver­loren; einges­per­rt, gefan­gen in mir selb­st, jeglich­er Sin­ne­sein­drücke, jeglich­er Beschäf­ti­gungsmöglichkeit beraubt, bis mein Ver­stand nur noch halt­los durch die Leere getrieben war. Und alles, was ich als Wiedergut­machung bekam, stand hier, auf diesen paar dicht beschrifteten Blät­tern Papi­er. Anfangs hat­te ich gebetet, dann ange­fan­gen zu zählen, doch Hunger, Erschöp­fung und die immer größer wer­dende Angst hat­ten mich den Faden ver­lieren, mich zit­ternd in der Ecke kauernd eindösen und schweißüber­strömt, panisch wieder auf­schreck­en lassen.
Minuten, Stun­den, Tage, Wochen — irgend­wann war alles gle­ichbe­deu­tend und … gle­ich bedeu­tungs­los für mich gewor­den. Das Einzige, woran ich mich noch einiger­maßen klar erin­nern kon­nte, waren die Episo­den plöt­zlichen, grell blenden­den Lichts, die schwarz gek­lei­de­ten Män­ner, die mich aus der Zelle und durch dun­kle Flure gez­er­rt hat­ten, die frem­den Stim­men, die vie­len Fra­gen, immer und immer wieder diesel­ben Fra­gen, und dann … der Schmerz. Oh ja, an diese Schmerzen erin­nerte ich mich von allen Din­gen, die mir hier, in diesem unterirdis­chen Bunker wider­fahren waren, am besten. An die Schmerzen und das Blut. Und die Schläge. Das Funkeln von Met­all in dem Licht, das von vorn direkt auf mich gerichtet war und mich blendete, so dass ich mit trä­nen­den Augen kaum Umrisse hat­te erken­nen kön­nen. Umrisse, Schemen. Keine Gesichter. Und Glut. Heiß glühen­des Etwas, in meine Haut gebran­nt. Meine Hand?

Immer noch unbe­wusst schützend lag die Linke zu ein­er lock­eren Faust gekrümmt auf meinem Schoß, während ich mit fest zusam­menge­pressten Lip­pen die Trä­nen weg­blinzelte, die mir wie Säure in den Augen bran­nten. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich vor diesen Män­nern noch ein­mal Schwäche zeigen! Ich bemühte mich, den vie­len Text zu lesen; die immer noch unge­wohn­ten west­lichen Schriftze­ichen in einen für mich nachvol­lziehbaren Kon­text zu brin­gen. Mir war bewusst, wie immens wichtig es war, die Aufla­gen und Bedin­gun­gen zu ver­ste­hen, ja, zu verin­ner­lichen, die mir gestellt wur­den. Der Job, der mir ange­boten wurde, die kleine Woh­nung, das Aufen­thalt­srecht — das alles waren Zugeständ­nisse, die nicht annäh­ernd wieder gut­machen kon­nten, was man mir ange­tan hat­te; dass bru­tal und gewis­sen­los gegen Men­schen­rechte ver­stoßen wor­den war. Die für mich erst gal­ten, sobald ich unter­schrieb. Sie waren lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Sicherung von absoluten Grundbedürfnis­sen, damit ich über­haupt eine Chance auf ein eigen­ständi­ges Leben hier im gelobten Land Ameri­ka hat­te. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So ungerecht es sich auch anfühlte, ich wusste zugle­ich, dass ich kein­er­lei Ansprüche zu stellen hat­te. Man hat­te mir bere­its nur zu deut­lich klar gemacht, dass ich, würde ich mich entschei­den, doch nicht zu unterze­ich­nen, schon mor­gen der Aus­län­der­be­hörde übergeben und bin­nen Wochen­frist zurück nach Pak­istan abgeschoben wer­den würde. Was einem Todesurteil gle­ichkam, nur, dass die Amerikan­er dabei dieses Mal ihre Hände in Unschuld waschen kon­nten.

Mit klam­men Fin­gern griff ich nach dem Kugelschreiber, der fast schon mah­nend bere­it lag. “Sie kön­nen sich zuhause nochmals alles ganz in Ruhe durch­le­sen, Miss El Sayed”, wieder­holte der Mann mir gegenüber zum gefühlt zehn­ten Mal an diesem Abend, und ver­suchte, dabei immer noch geduldig und beruhi­gend zu klin­gen. Geheimhal­tungspflicht … Schweigepflicht … Wahrheit­spflicht … Uni­formpflicht … Kon­tak­tver­bot zu mein­er Fam­i­lie … Kon­tak­tver­bot nach Pak­istan all­ge­mein … Kon­tak­tver­bot zu islamistisch-ara­bis­chstäm­mi­gen Fam­i­lien und Grup­pierun­gen inner­halb der USA … Ver­bot des Tra­gens und Gebrauchs von Schuss­waf­fen … Pflicht zur Mit­führung der Dien­st­marke … regelmäßige Meldepflicht … regelmäßige psy­chol­o­gis­che Gutacht­en … regelmäßiger Besuch von Eingliederungssem­inaren … Ver­bot von Nebenbeschäf­ti­gun­gen … Die Liste schien kein Ende zu nehmen, und noch hat­te ich sie nicht ein­mal bis zur Hälfte durch. Doch die Erin­nerung an all das, was hier geschehen war — und wom­öglich sog­ar in ein und dem­sel­ben Raum, in dem ich ger­ade saß, schien mit jedem Augen­blick, den ich mir mehr Zeit ließ, nur noch schw­er­er auf mir zu las­ten. Auch wenn ich meine Angst nicht zeigte, so dröh­nte mir doch längst der eigene Herz­schlag in den Ohren und machte es mir immer schw­er­er, mich zu konzen­tri­eren. Ich wollte ein­fach nur noch raus hier, wieder atmen kön­nen, atmen und ren­nen, bis ich den Hor­i­zont erre­ichte! Das Licht schien zu flack­ern, die Wände schienen immer näher zu rück­en … Inner­lich schaud­ernd blät­terte ich bis zur let­zten Seite und set­zte den Stift an, als …

… sich die Tür öffnete. Ich hob den Kopf, als sich schwere Schritte näherten; unwillkür­lich schlug mein Puls einen noch hek­tis­cheren Takt an. Ganz automa­tisch erhob ich mich von meinem Stuhl, trat einen Schritt zur Seite, als ich zwei Män­ner erkan­nte — den einen, der mich aus dem Kranken­haus geholt hat­te — ich glaubte mich daran zu erin­nern, dass jemand ihn Erik genan­nt hat­te — und einen größeren, bre­it­er gebaut­en, den ich noch nie gese­hen hat­te. Ich ver­barg mein Unbe­ha­gen, als der Blick des Großen unver­hohlen an mir ent­lang glitt, machte lediglich noch einen Schritt rück­wärts, so dass ich wenig­stens hin­ter dem Stuhl stand und legte die Hände auf die Lehne, froh, mich daran fes­thal­ten zu kön­nen. “… darf ich Ihnen CLAY vorstellen!” Eriks the­atralis­ch­er Ton­fall gefiel mir nicht, auch wenn ich für den Augen­blick nicht hätte sagen kön­nen, was genau dieses Gefühl in mir aus­löste. Wie hätte ich auch ahnen sollen, welche Lügen sie dem Mann aufgetis­cht hat­ten, dessen graublaue Augen nun so direkt auf mich gerichtet waren? “Das hier ist Clay Chan­dler. Er wird Ihnen die Eingewöh­nungsphase erle­ichtern und Sie natür­lich dabei unter­stützen, die richti­gen Entschei­dun­gen zu tre­f­fen.” Langsam glit­ten meine Fin­ger um die ober­ste Quer­strebe an der Lehne, ball­ten sich meine Hände um das glat­te, lack­ierte Holz. Man … gab mir einen Auf­pass­er? Nur ganz leicht ges­tat­tete ich meinen Augen­brauen, sich zueinan­der zu bewe­gen. Ganz gle­ich, wie blu­mig Erik es auch aus­drück­te, ich ver­stand sehr genau, wovon er da ger­ade sprach. Sie nah­men mir die Luft zum Atmen, noch bevor ich meine ange­blich neu gewonnene Frei­heit über­haupt hat­te kosten kön­nen! Und nun sollte ich mir auch noch von diesem … diesem Frem­den meine Entschei­dun­gen dik­tieren lassen? Unwillkür­lich hat­te sich mein Atem beschle­u­nigt, kämpfte aufwal­len­der Wider­stand gegen die Enge in mein­er Brust, doch ich biss mir so fest auf die Unter­lippe, dass alles Blut daraus wich, nur, um kein Wort der Erwiderung her­vor drin­gen zu lassen.

Und ich hielt dem Blick des großen Mannes stand, ja, hob mein Kinn sog­ar noch etwas mehr an; ich würde keine Furcht zeigen, ganz gle­ich, wie sehr mich die Vorstel­lung aufwühlte, mich in sein­er Nähe aufhal­ten zu müssen, und sei es … doch sicher­lich nur hier, an meinem zukün­fti­gen Arbeit­splatz … und dabei diesen inten­siv­en, exo­tis­chen, durch­drin­gen­den Augen aus­ge­set­zt zu sein.
“مرحب به Shirin Bas­mah.”

Bei Allah … warum fühlte sich dieses Willkom­men nur so unendlich falsch an? Die Dunkel­heit in sein­er Stimme, kom­biniert mit der nahezu akzent­freien ara­bis­chen Aussprache jagte mir einen Schaud­er das Rück­grat herab; ich öffnete leicht die Lip­pen, als ich meinen Blick von ihm los riss, die Lid­er sittsam über die dun­klen Iri­den senk­te. Allah? Wenn dieser Mann des Ara­bis­chen mächtig war, dann beherrschte er wom­öglich auch die davon abge­wan­del­ten Sprachen aus mein­er Heimat. Würde er also über­prüfen, ob meine Über­set­zun­gen bei den Ver­hören akku­rat waren? Ob ich Fehler machte? Jeman­den unbe­wusst über­vorteilte, etwas falsch inter­pretierte? Mehr denn je fühlte ich mich unter Druck geset­zt, fühlte ich Panik in mir auf­steigen, Panik und Zweifel, ob ich alle­dem wirk­lich gewach­sen war.

“السلام عليكم, Mr. Chan­dler”, erwiderte ich schließlich, das Zit­tern in mein­er Stimme müh­sam unter­drückt, und hoffte, dass er und all diese Män­ner hier es wörtlich nah­men. Friede, das war alles, was ich wollte — Allah sollte mir beis­te­hen, dass mir niemals jemand etwas anderes unter­stellen und ich wieder in diesem dun­klen Loch lan­den würde.
“Miss El Sayed.” Der Mann mir gegenüber, der immer noch auf seinem Stuhl saß, pochte ungeduldig mit dem Zeigefin­ger auf die Tischober­fläche, oder genauer gesagt, auf die Stelle des Papiers, an der immer noch meine Unter­schrift fehlte. “Vergessen Sie nicht zu unter­schreiben.” Wie kön­nte ich. Sehr langsam beugte ich mich nach vorne, mir der Blicke aus drei Augen­paaren sehr wohl bewusst, am meis­ten jedoch des einen, graublauen. Und dann unter­schrieb ich. “Sehr schön.” Selt­sam, es war beinah, als würde ein erle­ichtertes Aufat­men durch die Anwe­senden gehen, als mir der Beamte das Schrift­stück auch schon unter den Fin­gern weg­zog und auf­s­tand. “Nun, Clay, vielle­icht zeigst du Miss El Sayed ja schon ein­mal ihren Wirkungs­bere­ich und weist sie in die wichtig­sten Gepflo­gen­heit­en ein, während ich die Schlüs­sel für die Woh­nung hole”, hörte ich Erik zu meinem Bewach­er sagen. Und dann, an mich gewandt: “Wenn Sie soweit sind, kom­men Sie wieder zu mir. In spätestens ein­er hal­ben Stunde habe ich sämtliche Zugangskarten, Ihre Dien­st­marke, Sozialver­sicherungsnum­mer und diverse weit­ere wichtige Unter­la­gen für Sie. Vielle­icht … nutzen Sie die Zeit auch ein wenig, um sich mit Clay bekan­nt zu machen.” Damit wandten sich Erik und der Beamte um und ver­ließen den Raum, ließen mich allein mit Chan­dler und seinem durch­drin­gen­den Bewacherblick. Ob er mich schon damals beobachtet, meine Schmach mit ange­se­hen hat­te? Oder gar ein­er der Män­ner gewe­sen war, die mir die Haut in Streifen vom Fleisch geschnit­ten, mich versen­gt, gebrand­markt, gedemütigt hat­ten? Ich fühlte mich so unendlich klein unter diesem Blick, klein und elend und nackt. Aber den­noch würde ich ihm stand­hal­ten, würde ihn stolz und unge­brochen erwidern, denn nie­mand, nie­mand würde je wieder die Genug­tu­ung erfahren, Herr über mich zu sein.

 

(مرحب به — [muˈraħħab bihi] — Willkom­men)

(السلام عليكم - [as-sala­mu alaikum] — Der Friede sei mit Euch)