Jayce: Für sie alle!

Kaum ein­er kan­nte die unterirdis­chen Tun­nel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehe­ma­lige Kom­man­dant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verän­dert hat­te, seit Jayce vor über einem hal­ben Jahr fort­ge­gan­gen war, so waren diese doch geblieben — wenn nicht sog­ar noch weit­er aus­ge­baut wor­den. Anders wäre es ihm wohl kaum gelun­gen, unbe­hel­ligt bis an die Stadt­mauern her­anzukom­men und sich schließlich mit Sim­mons‘ Hil­fe durch einen Seit­enein­gang Zugang zu ver­schaf­fen. Hen­ry Sim­mons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Fre­und und Lands­mann wohl ret­tungs­los ver­loren gewe­sen. Als Anführer von Jayce‘ per­sön­lich­er … nun, nen­nen wir es ein­mal ‘Leib­wache’, hat­te Sim­mons schon immer enge Kon­tak­te zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Ein­heit sein­er Män­ner zur Unter­stützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbe­d­ingt unter eigen­em Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wis­sen, um zu ver­ste­hen, dass es ein Leicht­es für Sim­mons war, unter anderem hier und da ein­mal Per­so­n­en oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewe­sen, der inmit­ten gefährlich­ster Unruhen dafür gesorgt hat­te, dass sie die Stadt unbeschadet hat­te ver­lassen kön­nen. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Sim­mons die Schuld für Kerikes Ver­schwinden in die Schuhe schieben kon­nte. Genau­so wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Din­gen fer­tigzuw­er­den, um Antworten zu find­en, die ihm wenig­stens zum Weit­er­leben reicht­en? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selb­st zu vergeben; sich mit sein­er Schuld zumin­d­est soweit zu arrang­ieren, dass sie ihm nicht in jedem einzel­nen Augen­blick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrück­enden Gewichts der Gewis­sheit, des Unwider­ru­flichen, wieder aufrecht ste­hen zu kön­nen? Monat um Monat war ins Land gezo­gen, während Jayce ver­bis­sen und verzweifelt auf der Suche gewe­sen war, auf der Suche nach dem einzi­gen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbe­darfter Liebe in seinem Leben, welch­es ihm auf solch drama­tis­che Weise abhan­den gekom­men war. Er selb­st hat­te alles zer­stört, was je wirk­lich von Bedeu­tung gewe­sen war; nach­dem er Kerike ver­trieben und seinen Fre­und Abbas getötet hat­te, von der Dämonin hämisch für all das ver­lacht, war seine ganz per­sön­liche Nieder­lage besiegelt gewe­sen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzip­i­en gewe­sen; ein Mann mit ein­er harten Schale, loy­al bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es let­z­tendlich doch geschehen war. Aber Kerike hat­te den Panz­er des Kom­man­dan­ten aufge­brochen, sie hat­te sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hat­ten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Men­sch war. Schwach, ver­let­zlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war ver­mut­lich nicht die beste Idee gewe­sen, nach Elysias zurück­zukehren. Ganz beson­ders nicht nach allem, was er in den let­zten Monat­en gel­ernt und erfahren hat­te. Jayce wusste, er set­zte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzu­machen; dass Sim­mons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch sel­biges kon­nte er von son­st nie­man­dem mehr erwarten. Allein in sein­er eige­nen Vil­la war er immer noch willkom­men; Ljud­mi­las Wan­gen hat­ten vor Schreck und Freude zugle­ich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekom­men war. Sie hat­te eine Schüs­sel mit dampfend­er Suppe fall­en lassen und Jayce mit einem halb erstick­ten „Miester Fär­gas­son!“ in ihre kräfti­gen Arme gezo­gen, dass ihm kurz die Luft wegge­blieben war. Selb­st der But­ler Ste­fan tat immer noch unbeir­rt seinen Dienst und auf sein­er son­st so unbe­weglichen Miene hat­te sich gar ein Lächeln abgeze­ich­net, als er seinen Dien­s­ther­rn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Sim­mons hat­te sich während Jayce‘ Abwe­sen­heit wirk­lich um alles geküm­mert; selb­st die von Van­dalen einge­wor­fe­nen Fen­ster hat­te er repari­eren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewe­sen.

Also hat­te er sich ein paar Tage lang in sein­er Vil­la aufge­hal­ten; selb­st den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gese­hen zu wer­den. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weit­erge­hen kon­nte. So schön es auch war, von Ljud­mi­las Kochkün­sten ver­wöh­nt und durch ihre Her­zlichkeit bemut­tert zu wer­den, so schön auch all die Annehm­lichkeit­en waren, auf die er so viele Monate hat­te verzicht­en müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekom­men war. Geschützt hin­ter ver­hangenen Fen­stern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwe­sen patrouil­lierten, kon­nte er sich vielle­icht eine Weile vor­ma­chen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erin­nerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hat­te zu viel gese­hen, zu viel erlebt auf sein­er lan­gen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden kon­nte. Aus Jayce Fer­gus­son war ein ander­er Mann gewor­den; ein­er, der die Missstände nun wirk­lich kan­nte, der sie am eige­nen Leib erfahren hat­te und dessen Herz so viele hun­dert Male gebrochen war, dass er irgend­wann beschlossen hat­te, wieder aufzuste­hen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.

Ethan & Tamsyn: Lüge!

Die Kopf­schmerzen set­zten wie das Amen im Gebet ein, ich blieb am Wal­drand zurück, presste zwei Fin­ger gegen die häm­mernde Stirn. Scheiße! Nur langsam däm­merte mir, was ich da eigentlich ger­ade zu hören bekom­men hat­te — diese Frau war eine eiskalte Mörderin! Und ich … hat­te natür­lich nichts besseres zu tun, als sie zu trösten, ja, ihr sog­ar meine Hil­fe bei weiß Gott was anzu­bi­eten. Jet­zt hing ich mit­ten in der Scheiße mit drin, drauf und dran, mich zum Mit­täter zu machen.  Und das alles nur, weil ich Frauen nicht weinen sehen kon­nte. Noahs uner­warteter Auftritt musste mir gehörig den Ver­stand vernebelt haben!

Ich blick­te auf, als Tamys Stimme vom Haus her erk­lang. Diese Nacht? Diese eine Nacht? Ver­dammt, diese eine Stunde mit ihr war schon zu viel gewe­sen, ich … Eigentlich wollte ich das alles gar nicht wis­sen! Ich ver­fluchte mich inner­lich für das, was ich ange­fan­gen hat­te und jet­zt würde ich einiges darum geben, ich hätte es nicht getan. Sie gehörte ganz ein­deutig hin­ter Git­ter, nicht hier­her … Warum zum Teufel war sie über­haupt noch auf freiem Fuß? Selb­st aus der Ferne kon­nte ich das leuch­t­ende Türk­is­blau ihrer Augen erken­nen, das vom Weinen gerötete, so beza­ubernd schöne Gesicht. Mein Gott … Sah so eine Frau aus, die ihren Gefährten kalt­blütig ermordet hat­te? Und war ich wirk­lich so bescheuert, allein dieses Anblicks und des herz­er­we­ichen­den Fle­hens in ihrer Stimme wegen darüber nachzu­denken, ein sehr viel stärk­eres Echo zu riskieren? Ein­mal ganz davon abge­se­hen, dass ich mich ger­ade selb­st schon wie ein ver­dammter Ver­brech­er fühlte, nur weil ich jet­zt wusste, was ich wusste.

Scheiße nochmal, das hier war ein­deutig zu heiß für mich. Ich musste die Fin­ger davon lassen! “Diese eine Nacht”, hörte ich mich sagen, als ich mich mit wum­mern­dem Schädel in Bewe­gung set­zte, um ihr ins Haus zu fol­gen. “Und nur diese eine.” Denn mor­gen würde ich per­sön­lich dafür sor­gen, dass sie sich für das, was sie getan hat­te, stellte.

*****

Mehr brauche ich nicht, dachte ich in dem Moment, als Ethan mir antwortete und ins Haus fol­gte.

Nur diese eine Nacht …  Lüge! Ich bel­og mich selb­st in dem ich mir einzure­den ver­suchte, diese eine Nacht würde reichen. Das würde es nicht. Niemals wieder würde eine Nacht reichen.

Ich ahnte nichts von seinen Gefühlen und Gedanken. Ver­schwen­dete keine Sekunde daran, dass es  zu viel für ihn sein kön­nte. ICH zu viel für ihn sein kön­nte. Vielle­icht war ich ego­is­tisch, aber …  hat­te ich nicht auch ein Recht darauf ein­mal zur Ruhe zu kom­men? Nur ein einziges Mal noch, bevor die Ver­gan­gen­heit mich im Hier und Jet­zt ein­holte? Wusste irgend­je­mand, wie es sich anfühlte, die Flut näher kom­men zu sehen?  Unfähig sich zu bewe­gen; zu wis­sen, dass man gle­ich ertrinken würde. Jeden Moment ertrinken würde … Ich! Die Frau, die ihr ganzes Leben für das Wohl ander­er gekämpft, die den hip­pokratis­chen Eid geleis­tet und nie etwas mehr in ihrem Leben angestrebt hat­te, als Gerechtigkeit. ICH habe meinen Gefährten erschossen. „NEIN … es war … ein Unfall!“, rief ich meinen Gedanken laut aus, ohne mir dessen bewusst zu sein und stützte mich schw­er atmend an der Hauswand ab. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn, während mein Atem nur noch stoßweise ging. Es war wieder mal so weit. Meine Dämo­nen hat­ten mich einge­holt. Wie jede Nacht. Immer zur gle­ichen Zeit. Die Sicht ver­schwamm vor meinen Augen. Alles, was ich jet­zt noch erken­nen kon­nte, war das Gesicht meines Gefährten. Seine vor Über­raschung und Schmerz geweit­eten Augen. Dieser Blick … Niemals werde ich diesen let­zten Blick wieder aus meinen Erin­nerun­gen ver­ban­nen kön­nen. „Es … war ein Unfall …“, ver­suchte ich mir selb­st einzure­den. „Ein … Unfall!“, stam­melte ich und rutschte langsam an der Wand nach unten. Auf dem Boden kniend, grub ich meine Fin­ger fest in den gefrore­nen Unter­grund. Ver­suchte mich zu erden. Halt zu find­en. „Hilf mir … bitte … Mach, dass es aufhört!“, fle­hte ich Ethan an. „Nur diese eine Nacht. Ver­sprochen.“

Lüge…,  flüsterte die Stimme in meinem Kopf …

Lüge…  Du bist eine Lügner­in … Eine Ver­rä­terin …  Eine Mörderin …

[Textab­schnitt © Nicol Stolze @ Tam­syn Matthew]

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Wenig­stens hat­te ich doch noch recht schnell ger­afft, dass das Ganze hier ein­deutig eine Num­mer zu groß für mich war. Und genau deshalb würde ich mich schön sauber wieder aus der Affäre ziehen … spätestens bei Son­nenauf­gang. Das einzig Richtige tun. Wenn Sie glaubte, ich würde ein­fach die Klappe hal­ten; dass sie mich zum Kom­plizen machen kon­nte, dann hat­te sich die Kleine ganz schön geschnit­ten, soviel war klar! Ja, vielle­icht hätte sie mir diese ganze Sache nicht unbe­d­ingt erzählt, hätte ich nicht auf meine gedanken­los char­mante Art ein biss­chen nachge­holfen. Aber sollte ich deshalb nun etwa ein schlecht­es Gewis­sen haben? Wie zum Henker hat­te ich denn ahnen kön­nen, WAS da hin­ter der makel­los schö­nen Fas­sade steck­te, hin­ter diesen Augen …

Ein Unfall … Mein Gott, ich wurde die gedankliche Vorstel­lung in meinem Kopf nicht mehr los — sie hat­te eiskalt auf ihn angelegt, hat­te abge­drückt, wieder und wieder und wieder …  Meine Schritte beschle­u­nigten sich von selb­st, als ich sie verzweifelt an der Haus­mauer zusam­mensinken sah. Ich kon­nte mir das ein­fach nicht mit anse­hen! Vielle­icht war doch etwas Wahres dran, vielle­icht …  Zum Teufel, ich wollte ihr diese eine Nacht geben. Was war auch schon eine einzelne Nacht? Gar nichts. Und wenn es ihr diese paar Stun­den lang Erle­ichterung ver­schaffte, dann war es doch irgend­wie auch eine gute Tat, oder? Lüge …, flüsterte etwas in meinen Gedanken, das ich schnell wieder ver­drängte, während ich mich zu ihr hin­unter beugte, sie san­ft hoch und schließlich auf meine Arme zog. Lügn­er. Warm drück­te ich das zit­ternde Bün­del an meine Brust, als ich sie ins Haus zurück trug.

Sean: So finster die Nacht …

Ich hielt mich schon den ganzen Abend im Hin­ter­grund und war darauf bedacht, Cath möglichst viel Freiraum zu lassen. Wenn sie etwas brauchte, musste sie mich nur fra­gen und anson­sten ver­hielt ich mich schweigsam; saß auf einem Stuhl in ein­er unbeleuchteten Ecke, blät­terte in der aktuellen Aus­gabe des Forbes Mag­a­zine, eine schwere Beretta griff­bere­it im Brusthol­ster und warf ab und zu einen Blick auf die sich schlaf­los hin und her wälzende Frau im Bett neben mir. Die Tat­sache, dass ich mich auf Kalebs Anweisung hin die ganze Zeit in ihrem pri­vat­en Wohn­bere­ich aufhielt, um stets in ihrer Nähe zu sein, sollte möglichst nicht zu ein­er zusät­zlichen Belas­tung für sie wer­den. Ich sah ihr nur zu deut­lich an, wie sehr die Schwanger­schaft an ihr zehrte; die dun­kler wer­den­den Augen­ringe, der müde Blick und die fahle Farbe ihrer Haut sprachen in let­zter Zeit für sich. Es schmerzte mich, sie so zu sehen — und nicht nur ein­mal hat­te ich mich gefragt, ob ihr Kör­p­er zwei so der­maßen beschle­u­nigte Schwanger­schaften inner­halb kurz­er Zeit über­haupt verkraften kon­nte.

Mein Blick fol­gte ihr besorgt, als sie schließlich aus dem Bett glitt und unruhig durch den Raum ging; das aufgeschla­gene Heft auf meinem Schoß war vorüberge­hend vergessen. Doch Cath war eine aus­ge­sprochen starke Frau, die bish­er alle Her­aus­forderun­gen gemeis­tert hat­te. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie auch die Geburt von Kalebs Sohn über­standen und kon­nte wieder zu Kräften kom­men. Sog­ar jet­zt, in diesem geschwächt­en und hochschwan­geren Zus­tand, war sie wun­der­schön; ich kon­nte mir nicht vorstellen, dass es eine zweite Frau auf dieser Welt gab, die ihren Kugel­bauch auch nur annäh­ernd so anmutig vor sich her trug wie sie. Wie so oft ruhte mein Blick auf ihrer schmalen Sil­hou­ette, als sie reg­los und mit dem Rück­en zu mir am Fen­ster stand, san­ft beschienen von den vielfälti­gen Lichtern der Nacht, die draußen über Boston lag. Dort, wo ihre warme Hand das Fen­ster berührte, beschlug es leicht und zeich­nete so die Kon­turen ihrer viel zu knochi­gen Fin­ger auf das Glas. Ich kon­nte ihre wach­sende Anspan­nung beinah fühlen; nahezu greif­bar schwebte sie in der nächtlichen Stille des Schlafz­im­mers. Und da war noch mehr; so vieles, was ich mit meinen vam­pirischen Sin­nen wahrnahm, wenn ich es nur zuließ. Ihr schwach­er, würziger Duft, der aufgewühlte Herz­schlag; Atemzug um Atemzug, jed­er davon fast ein wenig müh­sam. “Wenn du hier bist … wer achtet dann da draußen auf meinen Gefährten, Sean …”, durch­brach Caths Stimme das Schweigen, und ich run­zelte besorgt die Stirn.

Bere­its seit Tagen ver­suchte ich, möglichst viel Gelassen­heit auszus­trahlen; ihr keinen auch nur gerin­gen Anlass zur Sorge zu geben. Sie war hochschwanger und völ­lig erschöpft; jede Aufre­gung wäre pures Gift für sie und das unge­borene Kind. Aber das änderte alles nichts daran, dass ich ihr ins­ge­heim zus­tim­men musste. Ich wusste, dass Kaleb im Augen­blick an etwas sehr Großem dran war, etwas das, wenn heute Nacht alles gut ging, dem Orden einen ersten schw­eren Schlag mit­ten in die Weichteile ver­set­zen würde. Wir hat­ten schließlich lange genug darauf hingear­beit­et. Und dass ich hier war, anstatt mit ihm dort draußen zu sein; dass ich seine Gefährtin bewachte, hier, in einem Gebäude, das mit der aus­gek­lügelt­sten Sicher­heit­stech­nik in weit­em Umkreis aus­ges­tat­tet und somit jedem Hochsicher­heits­ge­fäng­nis weit über­legen war, gren­zte gewis­ser­maßen an Para­noia. Und doch … An Kalebs Stelle hätte ich ver­mut­lich auch nicht anders gehan­delt. Ich erhob mich, legte die Zeitschrift bei­seite und trat zu Cath. Meine Hand legte sich warm auf ihre Schul­ter und ich begeg­nete dem Blick ihres Spiegel­bilds in der weitläu­fi­gen Glas­fläche vor uns. “Mach dir keine Sor­gen, Cath. Er hat seine besten Män­ner dabei, und er weiß sehr genau, was er tut.”

Ich trat zwei Schritte zurück, als sie sich zu mir umwandte; begeg­nete ihr mit einem zuver­sichtlichen Lächeln. Mein Gott, aus der Nähe erkan­nte ich erst, wie müde sie wirk­lich war. Kaleb sollte bess­er schon recht bald wieder zurück sein; sie brauchte sein Blut genau­so sehr wie seine Anwe­sen­heit, damit sie endlich für ein Weilchen zur Ruhe kam. Ich presste die Lip­pen aufeinan­der, während meine Aufmerk­samkeit über die aschfahlen Züge der Frau vor mir glitt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir inständig wün­schte, ihr bei­des geben zu kön­nen. “Was hat er dir gesagt, wo er heute Nacht ist?” — Ich wich ihrem Blick aus, als sie näher kam und schüt­telte langsam den Kopf. “Bitte, Cath, tu dir das nicht an.” Doch sie ließ nicht lock­er. Natür­lich wusste ich, wo er war — und ich wusste auch ganz genau, was er vorhat­te. Vor allen Din­gen aber war mir klar, mit wem er sich anlegte, und genau das war es, was meine sorgsam zur Schau gestellte Gelassen­heit Lügen strafte. Ich sollte bei ihm sein. Aber gle­ichzeit­ig wollte ich auch nichts so sehr, wie hier bei Cath zu sein. Jemand musste schließlich auf sie acht­en, auch wenn es unwahrschein­lich war, dass sie hier im Tow­er in Gefahr geri­et. Aber genau­so gut kon­nte sie plöt­zlich die Wehen bekom­men oder es kon­nte etwas mit dem Kind sein — oder aber sie brach endgültig unter der Erschöp­fung zusam­men, die sie so grausam zeich­nete. Jemand musste sie auf­fan­gen, und dieser Jemand würde ich sein, solange Kaleb nicht in der Nähe war. “Er ist auf ein­er … etwas heiklen Mis­sion”, antwortete ich auswe­ichend, aber so weit es ging, wahrheits­gemäß. Genau­so wenig, wie ich mein Ver­sprechen Kaleb gegenüber brechen wollte, wollte ich Cath ins Gesicht lügen müssen. “Aber wie gesagt, du musst dich nicht sor­gen. Es ist alles von langer Hand geplant und vor­bere­it­et. Er wird sich nicht mehr als unbe­d­ingt nötig in Gefahr begeben, schon allein, weil er weiß, dass du und sein unge­borenes Kind hier auf ihn wartet. Du kennst ihn doch — Kaleb über­lässt nie irgend­was dem Zufall.”

Ver­mut­lich redete ich mit diesen Worten eher mir selb­st ein, dass es keinen Grund zur Beun­ruhi­gung gab, aber hier und jet­zt war ein­fach auch über­haupt kein Platz dafür, meine eigene innere Unrast nach außen drin­gen zu lassen. Alles, was Cath brauchte, war Ruhe und ein sicheres, sta­biles Umfeld. Ich legte behut­sam eine Hand zwis­chen ihre Schul­terblät­ter, um sie mit san­fter Bes­timmtheit zurück zum Bett zu führen. “Komm, Cath … setz dich doch wenig­stens. Du siehst müde aus. Und hör auf, dich mit solchen Gedanken zu quälen. Kaleb ist doch bish­er immer zu dir zurück­gekehrt, warum sollte es aus­gerech­net heute anders sein?”

Neferu-Ptah: Gebrandmarkt

So mochte allein das Wis­sen darüber, was von ihr erwartet wurde, Neferu-Ptah dazu zwin­gen, langsam zu nick­en, nach­dem Chef­tu sie gefragt hat­te, ob sie die Male sah und sie ballte ihre schmalen, kleinen Hände zu zit­tri­gen Fäusten, während sie gegen die Furcht ankämpfte, den Kör­p­er aufrichtete und das Kinn hob, wie die Pries­terin­nen es sie gelehrt hat­ten. Trotz stieg mit einem Mal in ihr auf — sie kon­nte sowieso nicht fliehen, war gefan­gen wie ein Kan­inchen in der Falle und von allen Seit­en anges­tar­rt. Dann würde sie es eben allen zeigen! Die kleine Her­rin kon­nte nichts gegen die Angst aus­richt­en, die ihr die Knie weich wer­den ließ, doch sie würde sie um keinen Preis zeigen. Sie zog die Nase hoch und blinzelte die Trä­nen weg, dann fol­gte sie Chef­tu, den Blick stur auf den Ifrit geheftet, als würde sie ihn als ihr unauswe­ich­lich­es Schick­sal akzep­tieren, auch, wenn sie schon jet­zt wusste, dass sie ihn noch viel mehr fürchtete als Chef­tu — und außer­dem has­ste sie ihn. Als würde der Dämon ihre Empfind­un­gen erwidern, begann dieser plöt­zlich an seinen Ket­ten zu zer­ren und der gesamte Palast erzit­terte erneut, nur, dass die kleine Her­rin und alle Anwe­senden sich nun im Epizen­trum des Bebens befan­den. Sie schrak trotz aller guten Vorsätze zurück, blieb ste­hen und rang sowohl um ihr Gle­ichgewicht, als auch um ihre Fas­sung, als die Angst ihr erneut die Kehle zuschnürte. Atme, kleine Her­rin, konzen­triere dich auf deine Atmung, erk­lang die Stimme der Hohe­p­ries­terin in ihrer Erin­nerung und Neferu-Ptah klam­merte sich an dieses kleine Rit­u­al, von dem die Pries­terin­nen der Isis ihr gesagt hat­ten, sie könne jedes­mal wieder darauf zurück­greifen, wann immer ihr ein Hin­der­nis unüber­wind­bar erschien oder Furcht sie in ihren Entschei­dun­gen ein­schränk­te. Die tiefe Atmung in die Kör­per­mitte hinein, dor­thin, wo die Kraft der Sonne ruhte, stärk­te und nährte den Kör­p­er, klärte den Geist und die Sicht auf die Dinge, so dass man mutig und frei voran­schre­it­en kon­nte. Chef­tus War­nung kam im sel­ben Moment und die kleine Her­rin nick­te erneut langsam, dann ging sie entschlossen weit­er.

Der Blick des Ifrit schien sich bis in Neferu-Ptahs noch kindliche Seele hineinzufressen und seine Worte dröh­n­ten, groll­ten, loderten wie ein verzehren­der und erschüt­tern­der Nach­hall in ihr. Noch ein­mal wan­derte der Blick der kleinen Her­rin hil­fe­suchend gen Chef­tu, als der Dämon von ihr ver­langte, vor ihm niederzuknien. Es war nicht ein­fach für ein junges Mäd­chen, sich der her­rischen Befehle eines solch machtvollen Wesens zu wider­set­zen und mit jedem Wort schürte er ihre Angst nur noch mehr, bis sie glaubte, ihr nicht mehr gewach­sen zu sein. Doch Chef­tu blieb unnachgiebig, eben­so wie der Dämon. Sie schluck­te. Allein der Totenbeschwör­er würde ihr Zit­tern spüren, sobald sie eben­falls nach dem Bran­deisen griff und sich über den toben­den Ifrit beugte, während Chef­tu bere­its die Formeln murmelte. Die kleine Her­rin fühlte sich wie ein fil­igraner Zweig, welch­er zwis­chen zwei Ele­menten erbar­mungs­los zer­brochen wurde. In all der Hitze perlte längst Schweiß auf ihrer Stirn und tränk­te einzelne, samtig schwarze Haarsträh­nen; gle­ich­wohl aber war ihr tief im Inner­sten eiskalt. Am lieb­sten hätte sie die Hände hochgeris­sen und auf ihre Ohren gepresst, die Augen fest zugeknif­f­en und sich vorgestellt, all dies hier sei nur ein übler Traum, aus dem sie jeden Moment wohlbe­hütet erwachen würde. Doch sie kon­nte, durfte es nicht. “Bleib stark, Prinzessin!”, hörte sie Amen­emhet III. liebevoll und erfüllt von zufrieden­em Stolz flüstern, als das Eisen sich qual­mend in die Brust des Ifrit bran­nte, zugle­ich mit dessen Blick, einem glutvollen Dolch gle­ich, dun­kler noch als des Mäd­chens eigene furchter­füllte Schwärze, der wider­stand­s­los Neferu-Ptahs See­len­spiegel durch­stach und sie von innen her­aus zu ent­flam­men schien. Es mochte der Moment sein, in dem die kleine Her­rin ihre Kind­heit und Unschuld endgültig und für immer hin­ter sich ließ.

Laura J.: Der Feind in mir

Lau­ra schnaubte und funkelte ihn ärg­er­lich an. “Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt — klar doch! Mir scheint, du hast genau­so wenig Ahnung von Men­schen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hin­stellst! Wir steck­en in unseren Kör­pern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefüh­le. Und wir sind von fes­ter Materie umgeben, die wir nicht ein­fach mal eben durch­drin­gen oder umfor­men kön­nen, wenn es uns ein­fällt. Uns fehlt nun ein­mal etwas Wesentlich­es, das uns vom Fluss abschnei­det. Das hat nichts mit der ober­sten Exis­tenz zu tun, son­dern ein­fach nur mit Real­is­mus! Mit dein­er Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaf­fen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Voll­mond die Kon­trolle über mich übern­immt, vielle­icht irgend­wann auch ein­mal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwun­gen bin, und das bin ich ja offen­sichtlich, weil du mir wieder ein­mal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgend­wann ein­mal aus ein­er neuen Per­spek­tive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebe­we­sen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlen­den Voll­mondau­gen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Exis­tenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegen­teil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchge­s­tanden, aber jet­zt frage ich mich, wofür? Mein ganzes ver­dammtes Leben scheint plöt­zlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das ver­stehst, Magi­er! Es gibt da näm­lich eine Sache, die dir fehlt: Begren­zung. Eben­so, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu über­winden — Magie.”

Sie seufzte und zog die Schul­tern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. “Natür­lich hast du recht, wenn man die Rela­tio­nen zueinan­der sieht, aber das macht doch nur den großen Unter­schied deut­lich­er. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisen­leben mit meinen Men­schenau­gen zu sehen und durch meine Men­schen­fähigkeit­en ihre Prob­leme zu lösen.” Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weit­erzus­prechen. “Ich werde schon gejagt, weil ich manch­mal nachts durch die Straßen irre und mich hin­ter­her nicht mehr daran erin­nern kann. Denkst du wirk­lich, das alles ein­fach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Moti­va­tion, mich mit der Bestie in mir anzufre­un­den?”, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hat­te, sie doch nach­den­klich. “Weißt du … ver­mut­lich habe ich nur deshalb zuges­timmt, als deine Cho­sen One in einen so irrwitzi­gen Kampf zu gehen, weil ich ohne­hin lebens­müde bin. Am Ende hat es somit wenig­stens irgend einen Sinn gemacht.” Lau­ra riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. “Und jet­zt bring mir ein paar Tricks bei!”

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerk­samkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzen­tri­ert, hört dem Mann kaum zu, der ger­ade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinan­der, bis mein Rock sich über den Ober­schenkeln span­nt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trom­meln sacht gegen ein Bein des Tis­ches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vor­bei und gibt vor, kein­er­lei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es bess­er. Er inter­essiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm inter­essiert sich nie­mand für mich. Ich lege den Kopf in den Nack­en, drücke den Oberkör­p­er durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusam­men, bändi­ge die dun­klen Sträh­nen zu einem neuen Zopf. Plöt­zlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder tre­f­fen. Er sieht ärg­er­lich aus, fast so, als wollte er mich jet­zt schla­gen. Mein Magen zieht sich zusam­men, mein Herz rast vom Adren­a­lin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufre­gen­der als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheim­nis zwis­chen uns bei­den, zwis­chen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erre­icht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Fre­undin­nen. Ich kann seinen Blick im Rück­en spüren, als er mir nach­sieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mäd­chen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prick­eln im Nack­en; ich kann seine Erre­gung fast kör­per­lich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit ein­er son­der­baren Kraft, so als wür­den Funken zwis­chen meinen Fin­ger­spitzen tanzen.

*****

Tiefe Schat­ten liegen zwis­chen den Bäu­men; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mut­probe, mit der die Jungs uns Mäd­chen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt lock­er in mein­er Hand, ich springe leicht­füßig den schmalen Pfad ent­lang, den ich auch ohne das Tages­licht gut genug kenne, um mich nicht zu ver­laufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkel­heit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Sur­ren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Som­mer-Irrlichter ein­fan­gen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwap­pen, es ist schon spät in der Nacht und die meis­ten Dorf­be­wohn­er sind betrunk­en. Plöt­zlich vernehme ich Schritte hin­ter mir; kleine Kiesel knirschen unter schw­erem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlis­cht erschrock­en, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte näh­ern sich, auch sie sind schneller gewor­den. Ich höre meinen eige­nen Herz­schlag trom­meln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich ste­hen, drehe mich ganz plöt­zlich um, rechne damit, dass ein­er der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Auf­gabe zu erschw­eren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist kein­er mein­er Fre­unde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hun­gri­gen Augen. Ich kenne sie, und auch dies­mal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erle­ichtert, ein bekan­ntes Gesicht zu sehen. Aber jet­zt fühlt es sich vol­lkom­men anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunk­en zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vor­bei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziem­lich gefährlich aus, wie ein Raubti­er auf der Jagd. Immer noch spricht kein­er von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vor­bei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fall­en, ver­suche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach bil­ligem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton her­vor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden gewor­fen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft weg­bleibt. Stun­den später ergießt sich die aufge­hende Sonne über meine nack­te Haut. Heißes Blut benet­zt meine Schenkel und ein wüten­der Schmerz tobt in meinem Unter­leib. Mein Kleid ist zer­ris­sen, das Haar­band ver­loren, die Fin­gernägel abge­brochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wöl­bung meines Bauch­es kaum noch ver­ber­gen. Ich trage die weit­en Klei­der mein­er Mut­ter; sie weiß es und hil­ft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit nie­man­dem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Mor­gen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich füh­le mich so beschmutzt, und diese vie­len Blicke, die mich ver­fol­gen, ich kann mich nicht vor ihnen ver­steck­en. Ich weiß, dass sie es wis­sen, jed­er kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum son­st soll­ten sie mich so anstar­ren? Sie wis­sen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich has­se dieses Ding, das in meinem Bauch her­an­wächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswer­den, mit einem Stein habe ich auf es eingeschla­gen und gehofft, dass sein Herz ste­hen­bleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht ein­fach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jed­er ken­nt ihn, jed­er spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fort­ge­hen, fort von hier. Mut­ter wird mir helfen. Ich ertrage diese vie­len Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dick­en Bauch sehen. Wir gehen in die Wild­nis, dor­thin, wo die Tiere die Nachge­burt fressen. Mut­ter wird dafür sor­gen, dass ich dieses Ding, das aus mir her­auskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich has­se es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunk­er muss ein Ver­mö­gen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir ste­ht. Er trägt feine Klei­dung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Hal­bglatze; sie sind zum größten Teil schon grau gewor­den. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dun­kle, hun­grige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebo­ge­nen Degen an seinem Gür­tel. Ich kann spüren, wie das Met­all seines Eherings über meine Haut gleit­et, als er mit sein­er dick­en Hand über mein Knie stre­icht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufäl­lig eine Hand unter meinen Rock­saum, reibe mit dem Dau­men über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedanken­los, den Blick nun wieder auf den kost­baren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erre­gung spüren. Sie füllt mich mit ein­er eige­nar­ti­gen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusam­menge­ballt hat. Es wäre so ein­fach – ich müsste es nur irgend­wie hin­ter mich brin­gen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich kön­nte sie ein­tauschen, gegen mehr Brot, als ich über­haupt tra­gen kann, und Körbe voll von diesen wun­der­baren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir auf­steigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich wider­set­ze? Wird er sich dann nicht trotz­dem holen, was er will? Hier ist kein Men­sch, weit und bre­it. Zumin­d­est kein­er, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrschein­lich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mäd­chen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blick­en muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich kön­nte meinen leeren Magen monate­lang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkel­nden Stein, der wahrschein­lich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jet­zt nicht mehr so fre­undlich an. Meine Chance ent­gleit­et mir. Ich kann es schnell hin­ter mich brin­gen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe ver­legen meinen Rock­saum zurecht und ste­he auf. Män­nern wie ihm gefällt die Vorstel­lung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazmin­ka. Jazmin­ka Borilo­va“, lüge ich nach ein­er Weile und rolle dabei das R mit mein­er Zunge, wie es der Fürst ange­blich tut. Ich habe ihn noch nie gese­hen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augen­blick­lich aus der Ver­gan­gen­heit und dem wirren angstvollen Kon­strukt her­aus, in das ich mich geflüchtet hat­te und beförderte mich san­ft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jet­zt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicher­heit wieder dieser alles umfan­gen­den Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirnge­spinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hin­ter dieser Berührung steck­te, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in ver­gan­genen Schreck­en fest, fühlte wed­er Selb­stver­ach­tung, noch die Schmerzen und die Demü­ti­gun­gen, die schon längst hin­ter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jet­zt greif­bar, sie war ein unsicht­bares und unwider­ru­flich­es Band, intimer als jedes Wort, jed­er Kuss, jede Umar­mung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und sein­er Natur entsprach als es jede Dis­tanz, jed­er Zweifel, jede furcht­same Leug­nung, die der Ver­stand mir einzure­den ver­suchte, je sein kön­nte. Was Clay in mir her­vor­rief, waren Mut und Stärke, waren Wild­heit und Treue, war eine Ergeben­heit, die nichts mit Erniedri­gung zu tun hat­te, son­dern mein wahres Wesen auf diese san­fte, uner­schüt­ter­liche Weise ansprach, wie es nur der Alpha kon­nte. Er war hart­näck­ig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange fes­thielt, bis seine innere Ruhe und Zuver­sicht mich wie ein wär­mender Strom füllte, meine Trä­nen ver­siegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger wer­den ließ. Jet­zt kon­nte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stun­den; ich wusste nicht, wie viel Zeit verg­ing, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich kon­nte ein­fach zulassen, was zwis­chen uns war, ohne es auch nur einen Augen­blick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sog­ar ohne zu ver­suchen, es zu ver­ste­hen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich fes­thiel­ten, und der uner­schüt­ter­liche Strom sein­er Liebe, der mein Inner­stes aus­füllte; mit ihrer puren Inten­sität jegliche Möglichkeit ein­er anderen Empfind­ung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, ein­fach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehn­lich­er, als geweckt wer­den, aus dem Gefäng­nis ihrer men­schlichen Gestalt befre­it wer­den; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hin­ter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt wor­den, dass ich nichts wert war, und doch hat­te ich immer wieder einen Weg gefun­den, wenig­stens mir selb­st zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hat­te mich aus meinen Fes­seln befre­it, auch wenn diese Frei­heit immer nur vorüberge­hend war; hat­te hart und still und heim­lich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelun­gen, ent­ge­gen aller Widrigkeit­en. Bis zu diesem heuti­gen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille einge­brochen war. Clay ent­fachte ihn, ent­fachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich kon­nte es spüren, deut­lich­er und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Fin­ger an sein­er Brust zusam­men zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd ver­gruben. „Vielle­icht war und bin ich genau­so wenig Men­sch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Über­lebenswillen gab; die Kraft immer weit­er zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazuge­hört, und den­noch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Tat­en, für die sie Allahs Namen miss­braucht­en …“ Plöt­zlich zit­terte ich, run­zelte von einem furcht­samen Beben erfasst die Stirn und senk­te meine Lid­er. „Hast du … es gese­hen? Ich meine, hast du es … mitange­se­hen?“ Es ver­strichen ein paar bange Momente, in denen ich sein­er Antwort har­rte. Dann biss ich mir leicht auf die Unter­lippe, ließ kurz die Zun­gen­spitze fol­gen, als ich den Blick hob und ihn ver­trauensvoll in seinen legte. „Wird das von jet­zt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erin­nerte mich daran, dass er gesagt hat­te, er hätte mein Leben an sich gebun­den. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeu­tung dessen noch nicht annäh­ernd ver­stand. Ich hat­te nicht die ger­ing­ste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirk­lich in ihm wohnte und was dieser Mit­ter­nachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit uner­schüt­ter­lich­er Gewis­sheit: Dass ich ihm fol­gen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm fol­gen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hat­te. Ich wollte fort aus der Welt der Men­schen, die mir immer so fremd gewe­sen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lip­pen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Nor­maler­weise hat­ten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeu­tungslose Nacht. Er ver­ließ sie meist noch im Mor­gen­grauen, und wenn er sie über­haupt mit nach Hause genom­men hat­te, dann gab er noch im Hin­aus­ge­hen Anweisun­gen, dafür zu sor­gen, dass sie ver­schwun­den waren, sobald die Sonne aufging. Das hat­te ein­er­seits damit zu tun, dass er kein­er­lei Inter­esse daran hat­te, das biss­chen Zeit, das ihm zwis­chen­durch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren — auch, wenn es so manch­er Frau vielle­icht gefall­en hätte. Die meis­ten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäen­samm­lung um einen beson­ders dick­en Fang zu erweit­ern und das schnell­st­möglich ihren Fre­undin­nen zu erzählen, was Jayce in weit­er­er Folge wohl genau jenen ein­schlägi­gen Ruf ein­brachte, der in der gesamten Damen­welt kur­sierte. Oft boten sie sich ihm auch scham­los an, um im unpassend­sten Augen­blick seine Gun­st zu gewin­nen: Ver­sucht­en ihn nach allen Regeln der Kun­st dazu zu ver­führen, hier oder da ein Auge zuzu­drück­en, ein gutes Wort beim Fürsten einzule­gen oder bei der näch­sten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubrin­gen. Er war nie darauf einge­gan­gen; im Gegen­teil, hat­te es ihn doch der­maßen angeekelt, wieder ein­mal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vor­getäuscht­en Schön­heit­en lauerten; welche schmutzi­gen Absicht­en hin­ter süß gehaucht­en Worten steck­ten. Eine hat­te sein Bett sog­ar in Hand­schellen ver­lassen, nach­dem sie ver­sucht hat­te, Jayce zum Kom­plizen für einen feigen Anschlag auf die Fürsten­gat­tin zu machen — sie hat­te nie die Gele­gen­heit dazu gehabt, ihren nack­ten, schein­heili­gen Kör­p­er wieder mit Klei­dern zu bedeck­en.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Rich­tung gedacht, seit er Kerike kan­nte … Ganz beson­ders dann, wenn sich ihr zarter Kör­p­er so unbeson­nen, so unver­hofft sehn­süchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigen­tüm­lich­er Duft ihn ein­hüllte. Aber Jayce war nie­mand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Ver­stand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hat­te nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzu­lassen, war eigentlich ohne­hin schon ein wenig zu weit gegan­gen — denn er wusste, dass er sich das nicht leis­ten kon­nte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicher­heit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einiger­maßen entspan­nt hat­te. Und was auch immer sie behaupten mochte — wenn ihre Sym­pa­thie zum Kom­man­dan­ten sich draußen herum sprach, dann steck­te sie in ern­sthaften Schwierigkeit­en. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunk­e­nen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerk­samkeit ger­at­en, was Kerike dur­chaus leicht zu einem begehrten Opfer machen kon­nte. Wenn Jayce zuließ, dass zwis­chen ihnen eine wirk­lich tiefe, emo­tionale Bindung ent­stand, dann machte er nicht nur sich selb­st, son­dern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das — nun, das hat­te sie ganz ein­fach nicht ver­di­ent. Ja, wenn er wirk­lich anf­ing, darüber nachzu­denken, dann bereute er es jet­zt zutief­st, sie nicht von Anfang an ein­fach ignori­ert zu haben. Aber es war unmöglich gewe­sen. Sie war so …

Er nick­te lächel­nd, als sie ihn fra­gend ansah und wartete, bis sie sich von dem Sol­dat­en aus dem Sat­tel helfen hat­te lassen, ehe er selb­st abstieg und ihr langsam hin­ter­her kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeis­terung, genoss es, wie die Emo­tio­nen ihre Züge zum Leucht­en bracht­en. Ja, sie war wie ein flat­tern­der, sin­gen­der klein­er Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu brin­gen war. “Zu Befehl”, schmun­zelte er, als sich die Tür wie von Zauber­hand vor ihnen öffnete und Ste­fan, der But­ler, in weiß behand­schuhter Livree ihnen mit ein­er Ver­beu­gung Platz zum Ein­treten machte. “Willkom­men, Herr Fer­gus­son!”, begrüßte er Jayce mit ern­ster Miene, zauberte dann aber sogle­ich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. “Einen wun­der­schö­nen guten Abend, die Dame”, galt ihr sodann sein fre­undlich­er Gruß. “Guten Abend, Ste­fan”, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Haus­es folge und der But­ler die Türen hin­ter ihnen wieder schloss. Sie fan­den sich in ein­er weitläu­fi­gen Ein­gang­shalle wieder; der auf Hochglanz polierte Stein­bo­den, der eine ähn­lich feine Maserung aufwies wie Mar­mor, war von roten Läufern durch­zo­gen. Schwere Kerzen­lus­ter taucht­en den Raum in gold­enes Licht und an den Wän­den spielte eine Unzahl von Reflex­io­nen, wo auch immer die Flam­men von den Blei­glas­trä­nen gebrochen wur­den, die die Leucht­en zierten.

Große Töpfe mit exo­tis­chen Pflanzen haucht­en der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine aus­ladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befan­den sich großzügige Kor­ri­dore, durch die man weit­er ins Innere des Haus­es gelangte. “Nun … zum einen mit Ste­fan — er küm­mert sich um alle Annehm­lichkeit­en und ver­ste­ht zudem auch recht viel davon, das Haus handw­erk­lich in Schuss zu hal­ten.” Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Haus­es, nur über einen kleinen Grund­stock an Bedi­en­steten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend sel­ten mehr als das Nötig­ste an Arbeit an. “Und dann …” Seine weit­eren Worte erübrigten sich, oder gin­gen genau genom­men schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit paus­bäck­igem Gesicht und vom Leben geröteten Wan­gen die Kellertreppe her­aufkam. Ihr pech­schwarzes Haar hat­te sie zu einem dick­en Knoten auf dem Hin­terkopf gebun­den, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Sträh­nen zurück­zuhal­ten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fie­len. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen ent­ge­gen. “Miester Fär­gas­son!”, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartof­feln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit aus­ge­bre­it­eten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie bei­de gle­ichzeit­ig in eine über­schwängliche Umar­mung schließen. “Wielkomen, wielkomen! Und cher­zlich­es Wielkomen auch die entzieck­ende junge Dame!” Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwe­sen­heit von Ljud­mi­la gelang es selb­st ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune ansteck­en zu lassen. Sie war eine typ­is­che rus­sis­che Mamusch­ka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, son­dern schenk­te ihm nur ein bre­ites Lächeln, ergriff aber sogle­ich Kerikes Hand mit ihren bei­den schwieli­gen, run­zeli­gen Hän­den und strahlte sie ger­adezu an, während ihr Blick einen ver­schwörerischen Zug annahm. “Chabe ich glieck­liche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Fär­gas­son wierd cheute Abend wieder kom­men zurieck! Bin iech cheute gegan­gen und fri­esche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…” Sie blinzelte, als sie bemerk­te, dass sie wieder ein­mal schneller gesprochen als gedacht hat­te und zog grin­send die Augen­brauen hoch, Kerikes Hand immer noch fes­thal­tend. “Chast du sich­er auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knoche­lich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwis­chen chieb­sche Zäh­nchen.”

“Kerike, wenn ich dir Ljud­mi­la vorstellen darf — sie ist die gute Seele dieses Haus­es und zudem bes­timmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr steck­en noch viel mehr Qual­itäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.” Er grin­ste Ljud­mi­la flüchtig an, als teil­ten die bei­den ein paar Geheimnisse miteinan­der und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljud­mi­la küm­merte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hin­ter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wis­sen, was vor allem auch die ein­heimis­chen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce’ Arbeit mit dem einen oder anderen Mit­telchen gezielt unter­stützen zu kön­nen. Zudem ver­stand sie sich auch ein wenig auf die Kräuter­heilkunde — und natür­lich die unver­wech­sel­baren Aromen, die sie mit deren Hil­fe ihren Speisen ent­lock­en kon­nte. “Küm­mere dich gut um sie, Ljud­mi­la — Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.”

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment ver­achtete ich ihn. Ich ver­achtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es lock­er gekon­nt hätte. Und am meis­ten Ver­ach­tung emp­fand ich dafür, dass er ihn ein­fach hin­nahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstal­ten zu machen, sich zur Wehr zu set­zen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kan­nte. Ich kon­nte sehen, riechen, fühlen, wie er inner­lich kurz vor der Explo­sion stand und sich trotz­dem zurück­hielt, und ich kon­nte nicht anders, als ihn dafür zu ver­acht­en. Zumin­d­est … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kom­men sah, so wut­sprühend wie ich ihm all meine Ver­ach­tung in Worten ent­ge­gen spuck­te. Er sprang mich an wie ein ent­fes­sel­ter Berserk­er; ich hat­te keine Chance, über­haupt zu reagieren oder auch nur über­rascht zu sein, don­nerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereis­ten, von ein­er dün­nen Schneeschicht bedeck­ten Boden, dass zu allen Seit­en gefrorene Eiskristalle auf­s­to­ben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messer­schnitt an mein­er Wange spüren kon­nte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich wed­er regen, noch dem irren Lachen nachgeben kon­nte, das mir plöt­zlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hat­te mich schon so daran gewöh­nt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erle­ichterung war. Sollte er doch zuschla­gen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurück­zuschla­gen, denn das war ver­dammt nochmal etwas, wom­it ich bestens umge­hen kon­nte! Ganz im Gegen­satz zu den um Wel­ten härteren Schlä­gen, die er jet­zt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, wom­it ich über­haupt nicht klar kam; das war etwas, was wirk­lich wehtat und was ich nicht ein­fach mit meinem Kör­p­er und zusam­menge­bis­se­nen Zäh­nen abfan­gen kon­nte. Und ich ver­stand … Mit einem Mal ver­stand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes müh­sam unter­drück­te Beben von Schmerz in sein­er Stimme. Hätte er mit einem Mess­er in meinen Eingewei­den gewühlt, es hätte nicht ver­nich­t­en­der sein kön­nen. Ich war mir so … so ver­flucht sich­er gewe­sen, dass ich bere­it war, bere­it, jet­zt endlich hinzuse­hen, mir das Leid anzuse­hen, das ich ver­schuldete, nach­dem ich mehr als ein halbes Jahrhun­dert lang die Augen davor ver­schlossen hat­te. Aber ich war es nicht; wäre ver­mut­lich niemals bere­it dafür gewe­sen. Wir bei­de wussten, wie Recht er mit dem hat­te, was er mir an den Kopf warf – und wir bei­de wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selb­st galt.

Basmahs Traum I

Ich träumte …

Ich träumte, wie ich allein in weit­er Ferne stand; sah auf mich herab, wie ich wit­ternd den Kopf hob, die Ohren gegen den Wind drehte, lauschend, aufmerk­sam. Da war nichts, kein Hauch von Leben außer mir in jen­er unendlichen Weite; bis zum Hor­i­zont hin nur Sand und Hitze, Hitze und Sand. Wie eine heiße, sen­gende Lohe leck­te eine um die andere Bö wild an mir, riss an meinem Fell, durch­wühlte und ver­wirbelte es, peitschte mir die Wüste wie beißende Gis­cht ins Gesicht. Doch ich stand aufrecht, aufrecht und allein, trotzte dem wüten­den, lebens­feindlichen Ansturm, die Pfoten tief im heißen Unter­grund ver­graben. Immer tiefer sank ich ein, doch mein Herz, meine Sinne waren wach und auf einen Punkt weit außer­halb der Szener­ie fokussiert, wartend, regungs­los, voller unge­broch­en­er Zuver­sicht. Und dann schälte sich sein Umriss aus der flir­ren­den Hitze; langsam, unbeir­rt in sein­er ganzen kraftvollen und stolzen Ele­ganz kam er auf mich zu. Ich blick­te ihm ent­ge­gen, senk­te den Kopf erst, als er mich erre­ichte, seine Schnau­ze sich liebkosend in das Fell an mein­er Schul­ter ver­grub. Und schloss demütig die Augen.