Jayce: Für sie alle!

Kaum ein­er kan­nte die unterirdis­chen Tun­nel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehe­ma­lige Kom­man­dant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verän­dert hat­te, seit Jayce vor über einem hal­ben Jahr fort­ge­gan­gen war, so waren diese doch geblieben — wenn nicht sog­ar noch weit­er aus­ge­baut wor­den. Anders wäre es ihm wohl kaum gelun­gen, unbe­hel­ligt bis an die Stadt­mauern her­anzukom­men und sich schließlich mit Sim­mons‘ Hil­fe durch einen Seit­enein­gang Zugang zu ver­schaf­fen. Hen­ry Sim­mons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Fre­und und Lands­mann wohl ret­tungs­los ver­loren gewe­sen. Als Anführer von Jayce‘ per­sön­lich­er … nun, nen­nen wir es ein­mal ‘Leib­wache’, hat­te Sim­mons schon immer enge Kon­tak­te zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Ein­heit sein­er Män­ner zur Unter­stützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbe­d­ingt unter eigen­em Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wis­sen, um zu ver­ste­hen, dass es ein Leicht­es für Sim­mons war, unter anderem hier und da ein­mal Per­so­n­en oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewe­sen, der inmit­ten gefährlich­ster Unruhen dafür gesorgt hat­te, dass sie die Stadt unbeschadet hat­te ver­lassen kön­nen. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Sim­mons die Schuld für Kerikes Ver­schwinden in die Schuhe schieben kon­nte. Genau­so wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Din­gen fer­tigzuw­er­den, um Antworten zu find­en, die ihm wenig­stens zum Weit­er­leben reicht­en? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selb­st zu vergeben; sich mit sein­er Schuld zumin­d­est soweit zu arrang­ieren, dass sie ihm nicht in jedem einzel­nen Augen­blick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrück­enden Gewichts der Gewis­sheit, des Unwider­ru­flichen, wieder aufrecht ste­hen zu kön­nen? Monat um Monat war ins Land gezo­gen, während Jayce ver­bis­sen und verzweifelt auf der Suche gewe­sen war, auf der Suche nach dem einzi­gen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbe­darfter Liebe in seinem Leben, welch­es ihm auf solch drama­tis­che Weise abhan­den gekom­men war. Er selb­st hat­te alles zer­stört, was je wirk­lich von Bedeu­tung gewe­sen war; nach­dem er Kerike ver­trieben und seinen Fre­und Abbas getötet hat­te, von der Dämonin hämisch für all das ver­lacht, war seine ganz per­sön­liche Nieder­lage besiegelt gewe­sen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzip­i­en gewe­sen; ein Mann mit ein­er harten Schale, loy­al bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es let­z­tendlich doch geschehen war. Aber Kerike hat­te den Panz­er des Kom­man­dan­ten aufge­brochen, sie hat­te sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hat­ten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Men­sch war. Schwach, ver­let­zlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war ver­mut­lich nicht die beste Idee gewe­sen, nach Elysias zurück­zukehren. Ganz beson­ders nicht nach allem, was er in den let­zten Monat­en gel­ernt und erfahren hat­te. Jayce wusste, er set­zte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzu­machen; dass Sim­mons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch sel­biges kon­nte er von son­st nie­man­dem mehr erwarten. Allein in sein­er eige­nen Vil­la war er immer noch willkom­men; Ljud­mi­las Wan­gen hat­ten vor Schreck und Freude zugle­ich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekom­men war. Sie hat­te eine Schüs­sel mit dampfend­er Suppe fall­en lassen und Jayce mit einem halb erstick­ten „Miester Fär­gas­son!“ in ihre kräfti­gen Arme gezo­gen, dass ihm kurz die Luft wegge­blieben war. Selb­st der But­ler Ste­fan tat immer noch unbeir­rt seinen Dienst und auf sein­er son­st so unbe­weglichen Miene hat­te sich gar ein Lächeln abgeze­ich­net, als er seinen Dien­s­ther­rn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Sim­mons hat­te sich während Jayce‘ Abwe­sen­heit wirk­lich um alles geküm­mert; selb­st die von Van­dalen einge­wor­fe­nen Fen­ster hat­te er repari­eren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewe­sen.

Also hat­te er sich ein paar Tage lang in sein­er Vil­la aufge­hal­ten; selb­st den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gese­hen zu wer­den. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weit­erge­hen kon­nte. So schön es auch war, von Ljud­mi­las Kochkün­sten ver­wöh­nt und durch ihre Her­zlichkeit bemut­tert zu wer­den, so schön auch all die Annehm­lichkeit­en waren, auf die er so viele Monate hat­te verzicht­en müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekom­men war. Geschützt hin­ter ver­hangenen Fen­stern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwe­sen patrouil­lierten, kon­nte er sich vielle­icht eine Weile vor­ma­chen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erin­nerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hat­te zu viel gese­hen, zu viel erlebt auf sein­er lan­gen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden kon­nte. Aus Jayce Fer­gus­son war ein ander­er Mann gewor­den; ein­er, der die Missstände nun wirk­lich kan­nte, der sie am eige­nen Leib erfahren hat­te und dessen Herz so viele hun­dert Male gebrochen war, dass er irgend­wann beschlossen hat­te, wieder aufzuste­hen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.

Laura J.: Der Feind in mir

Lau­ra schnaubte und funkelte ihn ärg­er­lich an. “Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt — klar doch! Mir scheint, du hast genau­so wenig Ahnung von Men­schen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hin­stellst! Wir steck­en in unseren Kör­pern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefüh­le. Und wir sind von fes­ter Materie umgeben, die wir nicht ein­fach mal eben durch­drin­gen oder umfor­men kön­nen, wenn es uns ein­fällt. Uns fehlt nun ein­mal etwas Wesentlich­es, das uns vom Fluss abschnei­det. Das hat nichts mit der ober­sten Exis­tenz zu tun, son­dern ein­fach nur mit Real­is­mus! Mit dein­er Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaf­fen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Voll­mond die Kon­trolle über mich übern­immt, vielle­icht irgend­wann auch ein­mal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwun­gen bin, und das bin ich ja offen­sichtlich, weil du mir wieder ein­mal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgend­wann ein­mal aus ein­er neuen Per­spek­tive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebe­we­sen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlen­den Voll­mondau­gen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Exis­tenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegen­teil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchge­s­tanden, aber jet­zt frage ich mich, wofür? Mein ganzes ver­dammtes Leben scheint plöt­zlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das ver­stehst, Magi­er! Es gibt da näm­lich eine Sache, die dir fehlt: Begren­zung. Eben­so, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu über­winden — Magie.”

Sie seufzte und zog die Schul­tern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. “Natür­lich hast du recht, wenn man die Rela­tio­nen zueinan­der sieht, aber das macht doch nur den großen Unter­schied deut­lich­er. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisen­leben mit meinen Men­schenau­gen zu sehen und durch meine Men­schen­fähigkeit­en ihre Prob­leme zu lösen.” Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weit­erzus­prechen. “Ich werde schon gejagt, weil ich manch­mal nachts durch die Straßen irre und mich hin­ter­her nicht mehr daran erin­nern kann. Denkst du wirk­lich, das alles ein­fach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Moti­va­tion, mich mit der Bestie in mir anzufre­un­den?”, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hat­te, sie doch nach­den­klich. “Weißt du … ver­mut­lich habe ich nur deshalb zuges­timmt, als deine Cho­sen One in einen so irrwitzi­gen Kampf zu gehen, weil ich ohne­hin lebens­müde bin. Am Ende hat es somit wenig­stens irgend einen Sinn gemacht.” Lau­ra riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. “Und jet­zt bring mir ein paar Tricks bei!”

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerk­samkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzen­tri­ert, hört dem Mann kaum zu, der ger­ade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinan­der, bis mein Rock sich über den Ober­schenkeln span­nt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trom­meln sacht gegen ein Bein des Tis­ches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vor­bei und gibt vor, kein­er­lei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es bess­er. Er inter­essiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm inter­essiert sich nie­mand für mich. Ich lege den Kopf in den Nack­en, drücke den Oberkör­p­er durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusam­men, bändi­ge die dun­klen Sträh­nen zu einem neuen Zopf. Plöt­zlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder tre­f­fen. Er sieht ärg­er­lich aus, fast so, als wollte er mich jet­zt schla­gen. Mein Magen zieht sich zusam­men, mein Herz rast vom Adren­a­lin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufre­gen­der als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheim­nis zwis­chen uns bei­den, zwis­chen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erre­icht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Fre­undin­nen. Ich kann seinen Blick im Rück­en spüren, als er mir nach­sieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mäd­chen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prick­eln im Nack­en; ich kann seine Erre­gung fast kör­per­lich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit ein­er son­der­baren Kraft, so als wür­den Funken zwis­chen meinen Fin­ger­spitzen tanzen.

*****

Tiefe Schat­ten liegen zwis­chen den Bäu­men; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mut­probe, mit der die Jungs uns Mäd­chen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt lock­er in mein­er Hand, ich springe leicht­füßig den schmalen Pfad ent­lang, den ich auch ohne das Tages­licht gut genug kenne, um mich nicht zu ver­laufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkel­heit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Sur­ren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Som­mer-Irrlichter ein­fan­gen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwap­pen, es ist schon spät in der Nacht und die meis­ten Dorf­be­wohn­er sind betrunk­en. Plöt­zlich vernehme ich Schritte hin­ter mir; kleine Kiesel knirschen unter schw­erem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlis­cht erschrock­en, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte näh­ern sich, auch sie sind schneller gewor­den. Ich höre meinen eige­nen Herz­schlag trom­meln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich ste­hen, drehe mich ganz plöt­zlich um, rechne damit, dass ein­er der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Auf­gabe zu erschw­eren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist kein­er mein­er Fre­unde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hun­gri­gen Augen. Ich kenne sie, und auch dies­mal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erle­ichtert, ein bekan­ntes Gesicht zu sehen. Aber jet­zt fühlt es sich vol­lkom­men anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunk­en zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vor­bei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziem­lich gefährlich aus, wie ein Raubti­er auf der Jagd. Immer noch spricht kein­er von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vor­bei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fall­en, ver­suche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach bil­ligem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton her­vor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden gewor­fen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft weg­bleibt. Stun­den später ergießt sich die aufge­hende Sonne über meine nack­te Haut. Heißes Blut benet­zt meine Schenkel und ein wüten­der Schmerz tobt in meinem Unter­leib. Mein Kleid ist zer­ris­sen, das Haar­band ver­loren, die Fin­gernägel abge­brochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wöl­bung meines Bauch­es kaum noch ver­ber­gen. Ich trage die weit­en Klei­der mein­er Mut­ter; sie weiß es und hil­ft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit nie­man­dem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Mor­gen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich füh­le mich so beschmutzt, und diese vie­len Blicke, die mich ver­fol­gen, ich kann mich nicht vor ihnen ver­steck­en. Ich weiß, dass sie es wis­sen, jed­er kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum son­st soll­ten sie mich so anstar­ren? Sie wis­sen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich has­se dieses Ding, das in meinem Bauch her­an­wächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswer­den, mit einem Stein habe ich auf es eingeschla­gen und gehofft, dass sein Herz ste­hen­bleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht ein­fach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jed­er ken­nt ihn, jed­er spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fort­ge­hen, fort von hier. Mut­ter wird mir helfen. Ich ertrage diese vie­len Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dick­en Bauch sehen. Wir gehen in die Wild­nis, dor­thin, wo die Tiere die Nachge­burt fressen. Mut­ter wird dafür sor­gen, dass ich dieses Ding, das aus mir her­auskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich has­se es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunk­er muss ein Ver­mö­gen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir ste­ht. Er trägt feine Klei­dung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Hal­bglatze; sie sind zum größten Teil schon grau gewor­den. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dun­kle, hun­grige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebo­ge­nen Degen an seinem Gür­tel. Ich kann spüren, wie das Met­all seines Eherings über meine Haut gleit­et, als er mit sein­er dick­en Hand über mein Knie stre­icht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufäl­lig eine Hand unter meinen Rock­saum, reibe mit dem Dau­men über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedanken­los, den Blick nun wieder auf den kost­baren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erre­gung spüren. Sie füllt mich mit ein­er eige­nar­ti­gen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusam­menge­ballt hat. Es wäre so ein­fach – ich müsste es nur irgend­wie hin­ter mich brin­gen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich kön­nte sie ein­tauschen, gegen mehr Brot, als ich über­haupt tra­gen kann, und Körbe voll von diesen wun­der­baren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir auf­steigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich wider­set­ze? Wird er sich dann nicht trotz­dem holen, was er will? Hier ist kein Men­sch, weit und bre­it. Zumin­d­est kein­er, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrschein­lich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mäd­chen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blick­en muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich kön­nte meinen leeren Magen monate­lang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkel­nden Stein, der wahrschein­lich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jet­zt nicht mehr so fre­undlich an. Meine Chance ent­gleit­et mir. Ich kann es schnell hin­ter mich brin­gen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe ver­legen meinen Rock­saum zurecht und ste­he auf. Män­nern wie ihm gefällt die Vorstel­lung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazmin­ka. Jazmin­ka Borilo­va“, lüge ich nach ein­er Weile und rolle dabei das R mit mein­er Zunge, wie es der Fürst ange­blich tut. Ich habe ihn noch nie gese­hen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Jayce: Vogelfänger

Nor­maler­weise hat­ten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeu­tungslose Nacht. Er ver­ließ sie meist noch im Mor­gen­grauen, und wenn er sie über­haupt mit nach Hause genom­men hat­te, dann gab er noch im Hin­aus­ge­hen Anweisun­gen, dafür zu sor­gen, dass sie ver­schwun­den waren, sobald die Sonne aufging. Das hat­te ein­er­seits damit zu tun, dass er kein­er­lei Inter­esse daran hat­te, das biss­chen Zeit, das ihm zwis­chen­durch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren — auch, wenn es so manch­er Frau vielle­icht gefall­en hätte. Die meis­ten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäen­samm­lung um einen beson­ders dick­en Fang zu erweit­ern und das schnell­st­möglich ihren Fre­undin­nen zu erzählen, was Jayce in weit­er­er Folge wohl genau jenen ein­schlägi­gen Ruf ein­brachte, der in der gesamten Damen­welt kur­sierte. Oft boten sie sich ihm auch scham­los an, um im unpassend­sten Augen­blick seine Gun­st zu gewin­nen: Ver­sucht­en ihn nach allen Regeln der Kun­st dazu zu ver­führen, hier oder da ein Auge zuzu­drück­en, ein gutes Wort beim Fürsten einzule­gen oder bei der näch­sten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubrin­gen. Er war nie darauf einge­gan­gen; im Gegen­teil, hat­te es ihn doch der­maßen angeekelt, wieder ein­mal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vor­getäuscht­en Schön­heit­en lauerten; welche schmutzi­gen Absicht­en hin­ter süß gehaucht­en Worten steck­ten. Eine hat­te sein Bett sog­ar in Hand­schellen ver­lassen, nach­dem sie ver­sucht hat­te, Jayce zum Kom­plizen für einen feigen Anschlag auf die Fürsten­gat­tin zu machen — sie hat­te nie die Gele­gen­heit dazu gehabt, ihren nack­ten, schein­heili­gen Kör­p­er wieder mit Klei­dern zu bedeck­en.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Rich­tung gedacht, seit er Kerike kan­nte … Ganz beson­ders dann, wenn sich ihr zarter Kör­p­er so unbeson­nen, so unver­hofft sehn­süchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigen­tüm­lich­er Duft ihn ein­hüllte. Aber Jayce war nie­mand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Ver­stand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hat­te nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzu­lassen, war eigentlich ohne­hin schon ein wenig zu weit gegan­gen — denn er wusste, dass er sich das nicht leis­ten kon­nte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicher­heit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einiger­maßen entspan­nt hat­te. Und was auch immer sie behaupten mochte — wenn ihre Sym­pa­thie zum Kom­man­dan­ten sich draußen herum sprach, dann steck­te sie in ern­sthaften Schwierigkeit­en. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunk­e­nen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerk­samkeit ger­at­en, was Kerike dur­chaus leicht zu einem begehrten Opfer machen kon­nte. Wenn Jayce zuließ, dass zwis­chen ihnen eine wirk­lich tiefe, emo­tionale Bindung ent­stand, dann machte er nicht nur sich selb­st, son­dern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das — nun, das hat­te sie ganz ein­fach nicht ver­di­ent. Ja, wenn er wirk­lich anf­ing, darüber nachzu­denken, dann bereute er es jet­zt zutief­st, sie nicht von Anfang an ein­fach ignori­ert zu haben. Aber es war unmöglich gewe­sen. Sie war so …

Er nick­te lächel­nd, als sie ihn fra­gend ansah und wartete, bis sie sich von dem Sol­dat­en aus dem Sat­tel helfen hat­te lassen, ehe er selb­st abstieg und ihr langsam hin­ter­her kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeis­terung, genoss es, wie die Emo­tio­nen ihre Züge zum Leucht­en bracht­en. Ja, sie war wie ein flat­tern­der, sin­gen­der klein­er Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu brin­gen war. “Zu Befehl”, schmun­zelte er, als sich die Tür wie von Zauber­hand vor ihnen öffnete und Ste­fan, der But­ler, in weiß behand­schuhter Livree ihnen mit ein­er Ver­beu­gung Platz zum Ein­treten machte. “Willkom­men, Herr Fer­gus­son!”, begrüßte er Jayce mit ern­ster Miene, zauberte dann aber sogle­ich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. “Einen wun­der­schö­nen guten Abend, die Dame”, galt ihr sodann sein fre­undlich­er Gruß. “Guten Abend, Ste­fan”, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Haus­es folge und der But­ler die Türen hin­ter ihnen wieder schloss. Sie fan­den sich in ein­er weitläu­fi­gen Ein­gang­shalle wieder; der auf Hochglanz polierte Stein­bo­den, der eine ähn­lich feine Maserung aufwies wie Mar­mor, war von roten Läufern durch­zo­gen. Schwere Kerzen­lus­ter taucht­en den Raum in gold­enes Licht und an den Wän­den spielte eine Unzahl von Reflex­io­nen, wo auch immer die Flam­men von den Blei­glas­trä­nen gebrochen wur­den, die die Leucht­en zierten.

Große Töpfe mit exo­tis­chen Pflanzen haucht­en der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine aus­ladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befan­den sich großzügige Kor­ri­dore, durch die man weit­er ins Innere des Haus­es gelangte. “Nun … zum einen mit Ste­fan — er küm­mert sich um alle Annehm­lichkeit­en und ver­ste­ht zudem auch recht viel davon, das Haus handw­erk­lich in Schuss zu hal­ten.” Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Haus­es, nur über einen kleinen Grund­stock an Bedi­en­steten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend sel­ten mehr als das Nötig­ste an Arbeit an. “Und dann …” Seine weit­eren Worte erübrigten sich, oder gin­gen genau genom­men schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit paus­bäck­igem Gesicht und vom Leben geröteten Wan­gen die Kellertreppe her­aufkam. Ihr pech­schwarzes Haar hat­te sie zu einem dick­en Knoten auf dem Hin­terkopf gebun­den, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Sträh­nen zurück­zuhal­ten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fie­len. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen ent­ge­gen. “Miester Fär­gas­son!”, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartof­feln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit aus­ge­bre­it­eten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie bei­de gle­ichzeit­ig in eine über­schwängliche Umar­mung schließen. “Wielkomen, wielkomen! Und cher­zlich­es Wielkomen auch die entzieck­ende junge Dame!” Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwe­sen­heit von Ljud­mi­la gelang es selb­st ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune ansteck­en zu lassen. Sie war eine typ­is­che rus­sis­che Mamusch­ka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, son­dern schenk­te ihm nur ein bre­ites Lächeln, ergriff aber sogle­ich Kerikes Hand mit ihren bei­den schwieli­gen, run­zeli­gen Hän­den und strahlte sie ger­adezu an, während ihr Blick einen ver­schwörerischen Zug annahm. “Chabe ich glieck­liche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Fär­gas­son wierd cheute Abend wieder kom­men zurieck! Bin iech cheute gegan­gen und fri­esche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…” Sie blinzelte, als sie bemerk­te, dass sie wieder ein­mal schneller gesprochen als gedacht hat­te und zog grin­send die Augen­brauen hoch, Kerikes Hand immer noch fes­thal­tend. “Chast du sich­er auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knoche­lich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwis­chen chieb­sche Zäh­nchen.”

“Kerike, wenn ich dir Ljud­mi­la vorstellen darf — sie ist die gute Seele dieses Haus­es und zudem bes­timmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr steck­en noch viel mehr Qual­itäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.” Er grin­ste Ljud­mi­la flüchtig an, als teil­ten die bei­den ein paar Geheimnisse miteinan­der und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljud­mi­la küm­merte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hin­ter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wis­sen, was vor allem auch die ein­heimis­chen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce’ Arbeit mit dem einen oder anderen Mit­telchen gezielt unter­stützen zu kön­nen. Zudem ver­stand sie sich auch ein wenig auf die Kräuter­heilkunde — und natür­lich die unver­wech­sel­baren Aromen, die sie mit deren Hil­fe ihren Speisen ent­lock­en kon­nte. “Küm­mere dich gut um sie, Ljud­mi­la — Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.”