Jayce: Für sie alle!

Kaum ein­er kan­nte die unterirdis­chen Tun­nel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehe­ma­lige Kom­man­dant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verän­dert hat­te, seit Jayce vor über einem hal­ben Jahr fort­ge­gan­gen war, so waren diese doch geblieben — wenn nicht sog­ar noch weit­er aus­ge­baut wor­den. Anders wäre es ihm wohl kaum gelun­gen, unbe­hel­ligt bis an die Stadt­mauern her­anzukom­men und sich schließlich mit Sim­mons‘ Hil­fe durch einen Seit­enein­gang Zugang zu ver­schaf­fen. Hen­ry Sim­mons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Fre­und und Lands­mann wohl ret­tungs­los ver­loren gewe­sen. Als Anführer von Jayce‘ per­sön­lich­er … nun, nen­nen wir es ein­mal ‘Leib­wache’, hat­te Sim­mons schon immer enge Kon­tak­te zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Ein­heit sein­er Män­ner zur Unter­stützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbe­d­ingt unter eigen­em Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wis­sen, um zu ver­ste­hen, dass es ein Leicht­es für Sim­mons war, unter anderem hier und da ein­mal Per­so­n­en oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewe­sen, der inmit­ten gefährlich­ster Unruhen dafür gesorgt hat­te, dass sie die Stadt unbeschadet hat­te ver­lassen kön­nen. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Sim­mons die Schuld für Kerikes Ver­schwinden in die Schuhe schieben kon­nte. Genau­so wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Din­gen fer­tigzuw­er­den, um Antworten zu find­en, die ihm wenig­stens zum Weit­er­leben reicht­en? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selb­st zu vergeben; sich mit sein­er Schuld zumin­d­est soweit zu arrang­ieren, dass sie ihm nicht in jedem einzel­nen Augen­blick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrück­enden Gewichts der Gewis­sheit, des Unwider­ru­flichen, wieder aufrecht ste­hen zu kön­nen? Monat um Monat war ins Land gezo­gen, während Jayce ver­bis­sen und verzweifelt auf der Suche gewe­sen war, auf der Suche nach dem einzi­gen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbe­darfter Liebe in seinem Leben, welch­es ihm auf solch drama­tis­che Weise abhan­den gekom­men war. Er selb­st hat­te alles zer­stört, was je wirk­lich von Bedeu­tung gewe­sen war; nach­dem er Kerike ver­trieben und seinen Fre­und Abbas getötet hat­te, von der Dämonin hämisch für all das ver­lacht, war seine ganz per­sön­liche Nieder­lage besiegelt gewe­sen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzip­i­en gewe­sen; ein Mann mit ein­er harten Schale, loy­al bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es let­z­tendlich doch geschehen war. Aber Kerike hat­te den Panz­er des Kom­man­dan­ten aufge­brochen, sie hat­te sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hat­ten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Men­sch war. Schwach, ver­let­zlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war ver­mut­lich nicht die beste Idee gewe­sen, nach Elysias zurück­zukehren. Ganz beson­ders nicht nach allem, was er in den let­zten Monat­en gel­ernt und erfahren hat­te. Jayce wusste, er set­zte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzu­machen; dass Sim­mons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch sel­biges kon­nte er von son­st nie­man­dem mehr erwarten. Allein in sein­er eige­nen Vil­la war er immer noch willkom­men; Ljud­mi­las Wan­gen hat­ten vor Schreck und Freude zugle­ich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekom­men war. Sie hat­te eine Schüs­sel mit dampfend­er Suppe fall­en lassen und Jayce mit einem halb erstick­ten „Miester Fär­gas­son!“ in ihre kräfti­gen Arme gezo­gen, dass ihm kurz die Luft wegge­blieben war. Selb­st der But­ler Ste­fan tat immer noch unbeir­rt seinen Dienst und auf sein­er son­st so unbe­weglichen Miene hat­te sich gar ein Lächeln abgeze­ich­net, als er seinen Dien­s­ther­rn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Sim­mons hat­te sich während Jayce‘ Abwe­sen­heit wirk­lich um alles geküm­mert; selb­st die von Van­dalen einge­wor­fe­nen Fen­ster hat­te er repari­eren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewe­sen.

Also hat­te er sich ein paar Tage lang in sein­er Vil­la aufge­hal­ten; selb­st den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gese­hen zu wer­den. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weit­erge­hen kon­nte. So schön es auch war, von Ljud­mi­las Kochkün­sten ver­wöh­nt und durch ihre Her­zlichkeit bemut­tert zu wer­den, so schön auch all die Annehm­lichkeit­en waren, auf die er so viele Monate hat­te verzicht­en müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekom­men war. Geschützt hin­ter ver­hangenen Fen­stern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwe­sen patrouil­lierten, kon­nte er sich vielle­icht eine Weile vor­ma­chen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erin­nerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hat­te zu viel gese­hen, zu viel erlebt auf sein­er lan­gen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden kon­nte. Aus Jayce Fer­gus­son war ein ander­er Mann gewor­den; ein­er, der die Missstände nun wirk­lich kan­nte, der sie am eige­nen Leib erfahren hat­te und dessen Herz so viele hun­dert Male gebrochen war, dass er irgend­wann beschlossen hat­te, wieder aufzuste­hen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.

Ethan & Tamsyn: Lüge!

Die Kopf­schmerzen set­zten wie das Amen im Gebet ein, ich blieb am Wal­drand zurück, presste zwei Fin­ger gegen die häm­mernde Stirn. Scheiße! Nur langsam däm­merte mir, was ich da eigentlich ger­ade zu hören bekom­men hat­te — diese Frau war eine eiskalte Mörderin! Und ich … hat­te natür­lich nichts besseres zu tun, als sie zu trösten, ja, ihr sog­ar meine Hil­fe bei weiß Gott was anzu­bi­eten. Jet­zt hing ich mit­ten in der Scheiße mit drin, drauf und dran, mich zum Mit­täter zu machen.  Und das alles nur, weil ich Frauen nicht weinen sehen kon­nte. Noahs uner­warteter Auftritt musste mir gehörig den Ver­stand vernebelt haben!

Ich blick­te auf, als Tamys Stimme vom Haus her erk­lang. Diese Nacht? Diese eine Nacht? Ver­dammt, diese eine Stunde mit ihr war schon zu viel gewe­sen, ich … Eigentlich wollte ich das alles gar nicht wis­sen! Ich ver­fluchte mich inner­lich für das, was ich ange­fan­gen hat­te und jet­zt würde ich einiges darum geben, ich hätte es nicht getan. Sie gehörte ganz ein­deutig hin­ter Git­ter, nicht hier­her … Warum zum Teufel war sie über­haupt noch auf freiem Fuß? Selb­st aus der Ferne kon­nte ich das leuch­t­ende Türk­is­blau ihrer Augen erken­nen, das vom Weinen gerötete, so beza­ubernd schöne Gesicht. Mein Gott … Sah so eine Frau aus, die ihren Gefährten kalt­blütig ermordet hat­te? Und war ich wirk­lich so bescheuert, allein dieses Anblicks und des herz­er­we­ichen­den Fle­hens in ihrer Stimme wegen darüber nachzu­denken, ein sehr viel stärk­eres Echo zu riskieren? Ein­mal ganz davon abge­se­hen, dass ich mich ger­ade selb­st schon wie ein ver­dammter Ver­brech­er fühlte, nur weil ich jet­zt wusste, was ich wusste.

Scheiße nochmal, das hier war ein­deutig zu heiß für mich. Ich musste die Fin­ger davon lassen! “Diese eine Nacht”, hörte ich mich sagen, als ich mich mit wum­mern­dem Schädel in Bewe­gung set­zte, um ihr ins Haus zu fol­gen. “Und nur diese eine.” Denn mor­gen würde ich per­sön­lich dafür sor­gen, dass sie sich für das, was sie getan hat­te, stellte.

*****

Mehr brauche ich nicht, dachte ich in dem Moment, als Ethan mir antwortete und ins Haus fol­gte.

Nur diese eine Nacht …  Lüge! Ich bel­og mich selb­st in dem ich mir einzure­den ver­suchte, diese eine Nacht würde reichen. Das würde es nicht. Niemals wieder würde eine Nacht reichen.

Ich ahnte nichts von seinen Gefühlen und Gedanken. Ver­schwen­dete keine Sekunde daran, dass es  zu viel für ihn sein kön­nte. ICH zu viel für ihn sein kön­nte. Vielle­icht war ich ego­is­tisch, aber …  hat­te ich nicht auch ein Recht darauf ein­mal zur Ruhe zu kom­men? Nur ein einziges Mal noch, bevor die Ver­gan­gen­heit mich im Hier und Jet­zt ein­holte? Wusste irgend­je­mand, wie es sich anfühlte, die Flut näher kom­men zu sehen?  Unfähig sich zu bewe­gen; zu wis­sen, dass man gle­ich ertrinken würde. Jeden Moment ertrinken würde … Ich! Die Frau, die ihr ganzes Leben für das Wohl ander­er gekämpft, die den hip­pokratis­chen Eid geleis­tet und nie etwas mehr in ihrem Leben angestrebt hat­te, als Gerechtigkeit. ICH habe meinen Gefährten erschossen. „NEIN … es war … ein Unfall!“, rief ich meinen Gedanken laut aus, ohne mir dessen bewusst zu sein und stützte mich schw­er atmend an der Hauswand ab. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn, während mein Atem nur noch stoßweise ging. Es war wieder mal so weit. Meine Dämo­nen hat­ten mich einge­holt. Wie jede Nacht. Immer zur gle­ichen Zeit. Die Sicht ver­schwamm vor meinen Augen. Alles, was ich jet­zt noch erken­nen kon­nte, war das Gesicht meines Gefährten. Seine vor Über­raschung und Schmerz geweit­eten Augen. Dieser Blick … Niemals werde ich diesen let­zten Blick wieder aus meinen Erin­nerun­gen ver­ban­nen kön­nen. „Es … war ein Unfall …“, ver­suchte ich mir selb­st einzure­den. „Ein … Unfall!“, stam­melte ich und rutschte langsam an der Wand nach unten. Auf dem Boden kniend, grub ich meine Fin­ger fest in den gefrore­nen Unter­grund. Ver­suchte mich zu erden. Halt zu find­en. „Hilf mir … bitte … Mach, dass es aufhört!“, fle­hte ich Ethan an. „Nur diese eine Nacht. Ver­sprochen.“

Lüge…,  flüsterte die Stimme in meinem Kopf …

Lüge…  Du bist eine Lügner­in … Eine Ver­rä­terin …  Eine Mörderin …

[Textab­schnitt © Nicol Stolze @ Tam­syn Matthew]

*****

Wenig­stens hat­te ich doch noch recht schnell ger­afft, dass das Ganze hier ein­deutig eine Num­mer zu groß für mich war. Und genau deshalb würde ich mich schön sauber wieder aus der Affäre ziehen … spätestens bei Son­nenauf­gang. Das einzig Richtige tun. Wenn Sie glaubte, ich würde ein­fach die Klappe hal­ten; dass sie mich zum Kom­plizen machen kon­nte, dann hat­te sich die Kleine ganz schön geschnit­ten, soviel war klar! Ja, vielle­icht hätte sie mir diese ganze Sache nicht unbe­d­ingt erzählt, hätte ich nicht auf meine gedanken­los char­mante Art ein biss­chen nachge­holfen. Aber sollte ich deshalb nun etwa ein schlecht­es Gewis­sen haben? Wie zum Henker hat­te ich denn ahnen kön­nen, WAS da hin­ter der makel­los schö­nen Fas­sade steck­te, hin­ter diesen Augen …

Ein Unfall … Mein Gott, ich wurde die gedankliche Vorstel­lung in meinem Kopf nicht mehr los — sie hat­te eiskalt auf ihn angelegt, hat­te abge­drückt, wieder und wieder und wieder …  Meine Schritte beschle­u­nigten sich von selb­st, als ich sie verzweifelt an der Haus­mauer zusam­mensinken sah. Ich kon­nte mir das ein­fach nicht mit anse­hen! Vielle­icht war doch etwas Wahres dran, vielle­icht …  Zum Teufel, ich wollte ihr diese eine Nacht geben. Was war auch schon eine einzelne Nacht? Gar nichts. Und wenn es ihr diese paar Stun­den lang Erle­ichterung ver­schaffte, dann war es doch irgend­wie auch eine gute Tat, oder? Lüge …, flüsterte etwas in meinen Gedanken, das ich schnell wieder ver­drängte, während ich mich zu ihr hin­unter beugte, sie san­ft hoch und schließlich auf meine Arme zog. Lügn­er. Warm drück­te ich das zit­ternde Bün­del an meine Brust, als ich sie ins Haus zurück trug.

Sean: So finster die Nacht …

Ich hielt mich schon den ganzen Abend im Hin­ter­grund und war darauf bedacht, Cath möglichst viel Freiraum zu lassen. Wenn sie etwas brauchte, musste sie mich nur fra­gen und anson­sten ver­hielt ich mich schweigsam; saß auf einem Stuhl in ein­er unbeleuchteten Ecke, blät­terte in der aktuellen Aus­gabe des Forbes Mag­a­zine, eine schwere Beretta griff­bere­it im Brusthol­ster und warf ab und zu einen Blick auf die sich schlaf­los hin und her wälzende Frau im Bett neben mir. Die Tat­sache, dass ich mich auf Kalebs Anweisung hin die ganze Zeit in ihrem pri­vat­en Wohn­bere­ich aufhielt, um stets in ihrer Nähe zu sein, sollte möglichst nicht zu ein­er zusät­zlichen Belas­tung für sie wer­den. Ich sah ihr nur zu deut­lich an, wie sehr die Schwanger­schaft an ihr zehrte; die dun­kler wer­den­den Augen­ringe, der müde Blick und die fahle Farbe ihrer Haut sprachen in let­zter Zeit für sich. Es schmerzte mich, sie so zu sehen — und nicht nur ein­mal hat­te ich mich gefragt, ob ihr Kör­p­er zwei so der­maßen beschle­u­nigte Schwanger­schaften inner­halb kurz­er Zeit über­haupt verkraften kon­nte.

Mein Blick fol­gte ihr besorgt, als sie schließlich aus dem Bett glitt und unruhig durch den Raum ging; das aufgeschla­gene Heft auf meinem Schoß war vorüberge­hend vergessen. Doch Cath war eine aus­ge­sprochen starke Frau, die bish­er alle Her­aus­forderun­gen gemeis­tert hat­te. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie auch die Geburt von Kalebs Sohn über­standen und kon­nte wieder zu Kräften kom­men. Sog­ar jet­zt, in diesem geschwächt­en und hochschwan­geren Zus­tand, war sie wun­der­schön; ich kon­nte mir nicht vorstellen, dass es eine zweite Frau auf dieser Welt gab, die ihren Kugel­bauch auch nur annäh­ernd so anmutig vor sich her trug wie sie. Wie so oft ruhte mein Blick auf ihrer schmalen Sil­hou­ette, als sie reg­los und mit dem Rück­en zu mir am Fen­ster stand, san­ft beschienen von den vielfälti­gen Lichtern der Nacht, die draußen über Boston lag. Dort, wo ihre warme Hand das Fen­ster berührte, beschlug es leicht und zeich­nete so die Kon­turen ihrer viel zu knochi­gen Fin­ger auf das Glas. Ich kon­nte ihre wach­sende Anspan­nung beinah fühlen; nahezu greif­bar schwebte sie in der nächtlichen Stille des Schlafz­im­mers. Und da war noch mehr; so vieles, was ich mit meinen vam­pirischen Sin­nen wahrnahm, wenn ich es nur zuließ. Ihr schwach­er, würziger Duft, der aufgewühlte Herz­schlag; Atemzug um Atemzug, jed­er davon fast ein wenig müh­sam. “Wenn du hier bist … wer achtet dann da draußen auf meinen Gefährten, Sean …”, durch­brach Caths Stimme das Schweigen, und ich run­zelte besorgt die Stirn.

Bere­its seit Tagen ver­suchte ich, möglichst viel Gelassen­heit auszus­trahlen; ihr keinen auch nur gerin­gen Anlass zur Sorge zu geben. Sie war hochschwanger und völ­lig erschöpft; jede Aufre­gung wäre pures Gift für sie und das unge­borene Kind. Aber das änderte alles nichts daran, dass ich ihr ins­ge­heim zus­tim­men musste. Ich wusste, dass Kaleb im Augen­blick an etwas sehr Großem dran war, etwas das, wenn heute Nacht alles gut ging, dem Orden einen ersten schw­eren Schlag mit­ten in die Weichteile ver­set­zen würde. Wir hat­ten schließlich lange genug darauf hingear­beit­et. Und dass ich hier war, anstatt mit ihm dort draußen zu sein; dass ich seine Gefährtin bewachte, hier, in einem Gebäude, das mit der aus­gek­lügelt­sten Sicher­heit­stech­nik in weit­em Umkreis aus­ges­tat­tet und somit jedem Hochsicher­heits­ge­fäng­nis weit über­legen war, gren­zte gewis­ser­maßen an Para­noia. Und doch … An Kalebs Stelle hätte ich ver­mut­lich auch nicht anders gehan­delt. Ich erhob mich, legte die Zeitschrift bei­seite und trat zu Cath. Meine Hand legte sich warm auf ihre Schul­ter und ich begeg­nete dem Blick ihres Spiegel­bilds in der weitläu­fi­gen Glas­fläche vor uns. “Mach dir keine Sor­gen, Cath. Er hat seine besten Män­ner dabei, und er weiß sehr genau, was er tut.”

Ich trat zwei Schritte zurück, als sie sich zu mir umwandte; begeg­nete ihr mit einem zuver­sichtlichen Lächeln. Mein Gott, aus der Nähe erkan­nte ich erst, wie müde sie wirk­lich war. Kaleb sollte bess­er schon recht bald wieder zurück sein; sie brauchte sein Blut genau­so sehr wie seine Anwe­sen­heit, damit sie endlich für ein Weilchen zur Ruhe kam. Ich presste die Lip­pen aufeinan­der, während meine Aufmerk­samkeit über die aschfahlen Züge der Frau vor mir glitt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir inständig wün­schte, ihr bei­des geben zu kön­nen. “Was hat er dir gesagt, wo er heute Nacht ist?” — Ich wich ihrem Blick aus, als sie näher kam und schüt­telte langsam den Kopf. “Bitte, Cath, tu dir das nicht an.” Doch sie ließ nicht lock­er. Natür­lich wusste ich, wo er war — und ich wusste auch ganz genau, was er vorhat­te. Vor allen Din­gen aber war mir klar, mit wem er sich anlegte, und genau das war es, was meine sorgsam zur Schau gestellte Gelassen­heit Lügen strafte. Ich sollte bei ihm sein. Aber gle­ichzeit­ig wollte ich auch nichts so sehr, wie hier bei Cath zu sein. Jemand musste schließlich auf sie acht­en, auch wenn es unwahrschein­lich war, dass sie hier im Tow­er in Gefahr geri­et. Aber genau­so gut kon­nte sie plöt­zlich die Wehen bekom­men oder es kon­nte etwas mit dem Kind sein — oder aber sie brach endgültig unter der Erschöp­fung zusam­men, die sie so grausam zeich­nete. Jemand musste sie auf­fan­gen, und dieser Jemand würde ich sein, solange Kaleb nicht in der Nähe war. “Er ist auf ein­er … etwas heiklen Mis­sion”, antwortete ich auswe­ichend, aber so weit es ging, wahrheits­gemäß. Genau­so wenig, wie ich mein Ver­sprechen Kaleb gegenüber brechen wollte, wollte ich Cath ins Gesicht lügen müssen. “Aber wie gesagt, du musst dich nicht sor­gen. Es ist alles von langer Hand geplant und vor­bere­it­et. Er wird sich nicht mehr als unbe­d­ingt nötig in Gefahr begeben, schon allein, weil er weiß, dass du und sein unge­borenes Kind hier auf ihn wartet. Du kennst ihn doch — Kaleb über­lässt nie irgend­was dem Zufall.”

Ver­mut­lich redete ich mit diesen Worten eher mir selb­st ein, dass es keinen Grund zur Beun­ruhi­gung gab, aber hier und jet­zt war ein­fach auch über­haupt kein Platz dafür, meine eigene innere Unrast nach außen drin­gen zu lassen. Alles, was Cath brauchte, war Ruhe und ein sicheres, sta­biles Umfeld. Ich legte behut­sam eine Hand zwis­chen ihre Schul­terblät­ter, um sie mit san­fter Bes­timmtheit zurück zum Bett zu führen. “Komm, Cath … setz dich doch wenig­stens. Du siehst müde aus. Und hör auf, dich mit solchen Gedanken zu quälen. Kaleb ist doch bish­er immer zu dir zurück­gekehrt, warum sollte es aus­gerech­net heute anders sein?”

Neferu-Ptah: Gebrandmarkt

So mochte allein das Wis­sen darüber, was von ihr erwartet wurde, Neferu-Ptah dazu zwin­gen, langsam zu nick­en, nach­dem Chef­tu sie gefragt hat­te, ob sie die Male sah und sie ballte ihre schmalen, kleinen Hände zu zit­tri­gen Fäusten, während sie gegen die Furcht ankämpfte, den Kör­p­er aufrichtete und das Kinn hob, wie die Pries­terin­nen es sie gelehrt hat­ten. Trotz stieg mit einem Mal in ihr auf — sie kon­nte sowieso nicht fliehen, war gefan­gen wie ein Kan­inchen in der Falle und von allen Seit­en anges­tar­rt. Dann würde sie es eben allen zeigen! Die kleine Her­rin kon­nte nichts gegen die Angst aus­richt­en, die ihr die Knie weich wer­den ließ, doch sie würde sie um keinen Preis zeigen. Sie zog die Nase hoch und blinzelte die Trä­nen weg, dann fol­gte sie Chef­tu, den Blick stur auf den Ifrit geheftet, als würde sie ihn als ihr unauswe­ich­lich­es Schick­sal akzep­tieren, auch, wenn sie schon jet­zt wusste, dass sie ihn noch viel mehr fürchtete als Chef­tu — und außer­dem has­ste sie ihn. Als würde der Dämon ihre Empfind­un­gen erwidern, begann dieser plöt­zlich an seinen Ket­ten zu zer­ren und der gesamte Palast erzit­terte erneut, nur, dass die kleine Her­rin und alle Anwe­senden sich nun im Epizen­trum des Bebens befan­den. Sie schrak trotz aller guten Vorsätze zurück, blieb ste­hen und rang sowohl um ihr Gle­ichgewicht, als auch um ihre Fas­sung, als die Angst ihr erneut die Kehle zuschnürte. Atme, kleine Her­rin, konzen­triere dich auf deine Atmung, erk­lang die Stimme der Hohe­p­ries­terin in ihrer Erin­nerung und Neferu-Ptah klam­merte sich an dieses kleine Rit­u­al, von dem die Pries­terin­nen der Isis ihr gesagt hat­ten, sie könne jedes­mal wieder darauf zurück­greifen, wann immer ihr ein Hin­der­nis unüber­wind­bar erschien oder Furcht sie in ihren Entschei­dun­gen ein­schränk­te. Die tiefe Atmung in die Kör­per­mitte hinein, dor­thin, wo die Kraft der Sonne ruhte, stärk­te und nährte den Kör­p­er, klärte den Geist und die Sicht auf die Dinge, so dass man mutig und frei voran­schre­it­en kon­nte. Chef­tus War­nung kam im sel­ben Moment und die kleine Her­rin nick­te erneut langsam, dann ging sie entschlossen weit­er.

Der Blick des Ifrit schien sich bis in Neferu-Ptahs noch kindliche Seele hineinzufressen und seine Worte dröh­n­ten, groll­ten, loderten wie ein verzehren­der und erschüt­tern­der Nach­hall in ihr. Noch ein­mal wan­derte der Blick der kleinen Her­rin hil­fe­suchend gen Chef­tu, als der Dämon von ihr ver­langte, vor ihm niederzuknien. Es war nicht ein­fach für ein junges Mäd­chen, sich der her­rischen Befehle eines solch machtvollen Wesens zu wider­set­zen und mit jedem Wort schürte er ihre Angst nur noch mehr, bis sie glaubte, ihr nicht mehr gewach­sen zu sein. Doch Chef­tu blieb unnachgiebig, eben­so wie der Dämon. Sie schluck­te. Allein der Totenbeschwör­er würde ihr Zit­tern spüren, sobald sie eben­falls nach dem Bran­deisen griff und sich über den toben­den Ifrit beugte, während Chef­tu bere­its die Formeln murmelte. Die kleine Her­rin fühlte sich wie ein fil­igraner Zweig, welch­er zwis­chen zwei Ele­menten erbar­mungs­los zer­brochen wurde. In all der Hitze perlte längst Schweiß auf ihrer Stirn und tränk­te einzelne, samtig schwarze Haarsträh­nen; gle­ich­wohl aber war ihr tief im Inner­sten eiskalt. Am lieb­sten hätte sie die Hände hochgeris­sen und auf ihre Ohren gepresst, die Augen fest zugeknif­f­en und sich vorgestellt, all dies hier sei nur ein übler Traum, aus dem sie jeden Moment wohlbe­hütet erwachen würde. Doch sie kon­nte, durfte es nicht. “Bleib stark, Prinzessin!”, hörte sie Amen­emhet III. liebevoll und erfüllt von zufrieden­em Stolz flüstern, als das Eisen sich qual­mend in die Brust des Ifrit bran­nte, zugle­ich mit dessen Blick, einem glutvollen Dolch gle­ich, dun­kler noch als des Mäd­chens eigene furchter­füllte Schwärze, der wider­stand­s­los Neferu-Ptahs See­len­spiegel durch­stach und sie von innen her­aus zu ent­flam­men schien. Es mochte der Moment sein, in dem die kleine Her­rin ihre Kind­heit und Unschuld endgültig und für immer hin­ter sich ließ.

Basmah: Um keinen Preis!

Ich kon­nte den Blick des Mannes, der mir an dem kleinen Holztisch gegenüber saß, wie eine bren­nende Lunte über meinen Schei­t­el ziehen spüren, während meine Fin­ger eine um die andere Zeile auf dem Schrift­stück ent­lang fuhren, das vor mir lag. Inzwis­chen hat­te ich jeglich­es Zeit­ge­fühl ver­loren — ein Zus­tand, den ich lei­der schreck­lich gut kan­nte und der so typ­isch für diesen Ort ohne Licht und ohne Leben war. Und ich war mir beinah sich­er, dass ich hier unten, meter­tief unter der ahnungslosen Stadt, auch tat­säch­lich nie eine Uhr gese­hen hat­te. Es mochte sich ver­rückt anhören, und vielle­icht war es das auch, aber noch vor weni­gen Wochen hätte ich nahezu alles nur für eine einzige Kon­stante wie das beständi­ge Tick­en ein­er Uhr in der absoluten, zeit­losen Dunkel­heit mein­er Zelle gegeben; ich hätte die Sekun­den gezählt, mich an jedem noch so winzi­gen Beweis dafür fest­geklam­mert, dass die Welt dort draußen sich immer noch drehte. Doch da war nichts gewe­sen, nichts, außer diesen kalten, rohen Beton­wän­den und dem nack­ten Boden, auf dem ich mir die Hände und Knie wund geschürft hat­te, blind vor mich hin tas­tend. Und da war auch kein Geräusch gewe­sen, außer meinem eige­nen keuchen­den Atem, dem wum­mern­den Herz­schlag, meinem heis­eren, trä­nen­losen und unge­hört verklin­gen­den Schluchzen.

Monate … Monate meines Lebens hat­te ich dort in der Fin­ster­n­is der winzi­gen Zelle für immer ver­loren; einges­per­rt, gefan­gen in mir selb­st, jeglich­er Sin­ne­sein­drücke, jeglich­er Beschäf­ti­gungsmöglichkeit beraubt, bis mein Ver­stand nur noch halt­los durch die Leere getrieben war. Und alles, was ich als Wiedergut­machung bekam, stand hier, auf diesen paar dicht beschrifteten Blät­tern Papi­er. Anfangs hat­te ich gebetet, dann ange­fan­gen zu zählen, doch Hunger, Erschöp­fung und die immer größer wer­dende Angst hat­ten mich den Faden ver­lieren, mich zit­ternd in der Ecke kauernd eindösen und schweißüber­strömt, panisch wieder auf­schreck­en lassen.
Minuten, Stun­den, Tage, Wochen — irgend­wann war alles gle­ichbe­deu­tend und … gle­ich bedeu­tungs­los für mich gewor­den. Das Einzige, woran ich mich noch einiger­maßen klar erin­nern kon­nte, waren die Episo­den plöt­zlichen, grell blenden­den Lichts, die schwarz gek­lei­de­ten Män­ner, die mich aus der Zelle und durch dun­kle Flure gez­er­rt hat­ten, die frem­den Stim­men, die vie­len Fra­gen, immer und immer wieder diesel­ben Fra­gen, und dann … der Schmerz. Oh ja, an diese Schmerzen erin­nerte ich mich von allen Din­gen, die mir hier, in diesem unterirdis­chen Bunker wider­fahren waren, am besten. An die Schmerzen und das Blut. Und die Schläge. Das Funkeln von Met­all in dem Licht, das von vorn direkt auf mich gerichtet war und mich blendete, so dass ich mit trä­nen­den Augen kaum Umrisse hat­te erken­nen kön­nen. Umrisse, Schemen. Keine Gesichter. Und Glut. Heiß glühen­des Etwas, in meine Haut gebran­nt. Meine Hand?

Immer noch unbe­wusst schützend lag die Linke zu ein­er lock­eren Faust gekrümmt auf meinem Schoß, während ich mit fest zusam­menge­pressten Lip­pen die Trä­nen weg­blinzelte, die mir wie Säure in den Augen bran­nten. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich vor diesen Män­nern noch ein­mal Schwäche zeigen! Ich bemühte mich, den vie­len Text zu lesen; die immer noch unge­wohn­ten west­lichen Schriftze­ichen in einen für mich nachvol­lziehbaren Kon­text zu brin­gen. Mir war bewusst, wie immens wichtig es war, die Aufla­gen und Bedin­gun­gen zu ver­ste­hen, ja, zu verin­ner­lichen, die mir gestellt wur­den. Der Job, der mir ange­boten wurde, die kleine Woh­nung, das Aufen­thalt­srecht — das alles waren Zugeständ­nisse, die nicht annäh­ernd wieder gut­machen kon­nten, was man mir ange­tan hat­te; dass bru­tal und gewis­sen­los gegen Men­schen­rechte ver­stoßen wor­den war. Die für mich erst gal­ten, sobald ich unter­schrieb. Sie waren lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Sicherung von absoluten Grundbedürfnis­sen, damit ich über­haupt eine Chance auf ein eigen­ständi­ges Leben hier im gelobten Land Ameri­ka hat­te. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So ungerecht es sich auch anfühlte, ich wusste zugle­ich, dass ich kein­er­lei Ansprüche zu stellen hat­te. Man hat­te mir bere­its nur zu deut­lich klar gemacht, dass ich, würde ich mich entschei­den, doch nicht zu unterze­ich­nen, schon mor­gen der Aus­län­der­be­hörde übergeben und bin­nen Wochen­frist zurück nach Pak­istan abgeschoben wer­den würde. Was einem Todesurteil gle­ichkam, nur, dass die Amerikan­er dabei dieses Mal ihre Hände in Unschuld waschen kon­nten.

Mit klam­men Fin­gern griff ich nach dem Kugelschreiber, der fast schon mah­nend bere­it lag. “Sie kön­nen sich zuhause nochmals alles ganz in Ruhe durch­le­sen, Miss El Sayed”, wieder­holte der Mann mir gegenüber zum gefühlt zehn­ten Mal an diesem Abend, und ver­suchte, dabei immer noch geduldig und beruhi­gend zu klin­gen. Geheimhal­tungspflicht … Schweigepflicht … Wahrheit­spflicht … Uni­formpflicht … Kon­tak­tver­bot zu mein­er Fam­i­lie … Kon­tak­tver­bot nach Pak­istan all­ge­mein … Kon­tak­tver­bot zu islamistisch-ara­bis­chstäm­mi­gen Fam­i­lien und Grup­pierun­gen inner­halb der USA … Ver­bot des Tra­gens und Gebrauchs von Schuss­waf­fen … Pflicht zur Mit­führung der Dien­st­marke … regelmäßige Meldepflicht … regelmäßige psy­chol­o­gis­che Gutacht­en … regelmäßiger Besuch von Eingliederungssem­inaren … Ver­bot von Nebenbeschäf­ti­gun­gen … Die Liste schien kein Ende zu nehmen, und noch hat­te ich sie nicht ein­mal bis zur Hälfte durch. Doch die Erin­nerung an all das, was hier geschehen war — und wom­öglich sog­ar in ein und dem­sel­ben Raum, in dem ich ger­ade saß, schien mit jedem Augen­blick, den ich mir mehr Zeit ließ, nur noch schw­er­er auf mir zu las­ten. Auch wenn ich meine Angst nicht zeigte, so dröh­nte mir doch längst der eigene Herz­schlag in den Ohren und machte es mir immer schw­er­er, mich zu konzen­tri­eren. Ich wollte ein­fach nur noch raus hier, wieder atmen kön­nen, atmen und ren­nen, bis ich den Hor­i­zont erre­ichte! Das Licht schien zu flack­ern, die Wände schienen immer näher zu rück­en … Inner­lich schaud­ernd blät­terte ich bis zur let­zten Seite und set­zte den Stift an, als …

… sich die Tür öffnete. Ich hob den Kopf, als sich schwere Schritte näherten; unwillkür­lich schlug mein Puls einen noch hek­tis­cheren Takt an. Ganz automa­tisch erhob ich mich von meinem Stuhl, trat einen Schritt zur Seite, als ich zwei Män­ner erkan­nte — den einen, der mich aus dem Kranken­haus geholt hat­te — ich glaubte mich daran zu erin­nern, dass jemand ihn Erik genan­nt hat­te — und einen größeren, bre­it­er gebaut­en, den ich noch nie gese­hen hat­te. Ich ver­barg mein Unbe­ha­gen, als der Blick des Großen unver­hohlen an mir ent­lang glitt, machte lediglich noch einen Schritt rück­wärts, so dass ich wenig­stens hin­ter dem Stuhl stand und legte die Hände auf die Lehne, froh, mich daran fes­thal­ten zu kön­nen. “… darf ich Ihnen CLAY vorstellen!” Eriks the­atralis­ch­er Ton­fall gefiel mir nicht, auch wenn ich für den Augen­blick nicht hätte sagen kön­nen, was genau dieses Gefühl in mir aus­löste. Wie hätte ich auch ahnen sollen, welche Lügen sie dem Mann aufgetis­cht hat­ten, dessen graublaue Augen nun so direkt auf mich gerichtet waren? “Das hier ist Clay Chan­dler. Er wird Ihnen die Eingewöh­nungsphase erle­ichtern und Sie natür­lich dabei unter­stützen, die richti­gen Entschei­dun­gen zu tre­f­fen.” Langsam glit­ten meine Fin­ger um die ober­ste Quer­strebe an der Lehne, ball­ten sich meine Hände um das glat­te, lack­ierte Holz. Man … gab mir einen Auf­pass­er? Nur ganz leicht ges­tat­tete ich meinen Augen­brauen, sich zueinan­der zu bewe­gen. Ganz gle­ich, wie blu­mig Erik es auch aus­drück­te, ich ver­stand sehr genau, wovon er da ger­ade sprach. Sie nah­men mir die Luft zum Atmen, noch bevor ich meine ange­blich neu gewonnene Frei­heit über­haupt hat­te kosten kön­nen! Und nun sollte ich mir auch noch von diesem … diesem Frem­den meine Entschei­dun­gen dik­tieren lassen? Unwillkür­lich hat­te sich mein Atem beschle­u­nigt, kämpfte aufwal­len­der Wider­stand gegen die Enge in mein­er Brust, doch ich biss mir so fest auf die Unter­lippe, dass alles Blut daraus wich, nur, um kein Wort der Erwiderung her­vor drin­gen zu lassen.

Und ich hielt dem Blick des großen Mannes stand, ja, hob mein Kinn sog­ar noch etwas mehr an; ich würde keine Furcht zeigen, ganz gle­ich, wie sehr mich die Vorstel­lung aufwühlte, mich in sein­er Nähe aufhal­ten zu müssen, und sei es … doch sicher­lich nur hier, an meinem zukün­fti­gen Arbeit­splatz … und dabei diesen inten­siv­en, exo­tis­chen, durch­drin­gen­den Augen aus­ge­set­zt zu sein.
“مرحب به Shirin Bas­mah.”

Bei Allah … warum fühlte sich dieses Willkom­men nur so unendlich falsch an? Die Dunkel­heit in sein­er Stimme, kom­biniert mit der nahezu akzent­freien ara­bis­chen Aussprache jagte mir einen Schaud­er das Rück­grat herab; ich öffnete leicht die Lip­pen, als ich meinen Blick von ihm los riss, die Lid­er sittsam über die dun­klen Iri­den senk­te. Allah? Wenn dieser Mann des Ara­bis­chen mächtig war, dann beherrschte er wom­öglich auch die davon abge­wan­del­ten Sprachen aus mein­er Heimat. Würde er also über­prüfen, ob meine Über­set­zun­gen bei den Ver­hören akku­rat waren? Ob ich Fehler machte? Jeman­den unbe­wusst über­vorteilte, etwas falsch inter­pretierte? Mehr denn je fühlte ich mich unter Druck geset­zt, fühlte ich Panik in mir auf­steigen, Panik und Zweifel, ob ich alle­dem wirk­lich gewach­sen war.

“السلام عليكم, Mr. Chan­dler”, erwiderte ich schließlich, das Zit­tern in mein­er Stimme müh­sam unter­drückt, und hoffte, dass er und all diese Män­ner hier es wörtlich nah­men. Friede, das war alles, was ich wollte — Allah sollte mir beis­te­hen, dass mir niemals jemand etwas anderes unter­stellen und ich wieder in diesem dun­klen Loch lan­den würde.
“Miss El Sayed.” Der Mann mir gegenüber, der immer noch auf seinem Stuhl saß, pochte ungeduldig mit dem Zeigefin­ger auf die Tischober­fläche, oder genauer gesagt, auf die Stelle des Papiers, an der immer noch meine Unter­schrift fehlte. “Vergessen Sie nicht zu unter­schreiben.” Wie kön­nte ich. Sehr langsam beugte ich mich nach vorne, mir der Blicke aus drei Augen­paaren sehr wohl bewusst, am meis­ten jedoch des einen, graublauen. Und dann unter­schrieb ich. “Sehr schön.” Selt­sam, es war beinah, als würde ein erle­ichtertes Aufat­men durch die Anwe­senden gehen, als mir der Beamte das Schrift­stück auch schon unter den Fin­gern weg­zog und auf­s­tand. “Nun, Clay, vielle­icht zeigst du Miss El Sayed ja schon ein­mal ihren Wirkungs­bere­ich und weist sie in die wichtig­sten Gepflo­gen­heit­en ein, während ich die Schlüs­sel für die Woh­nung hole”, hörte ich Erik zu meinem Bewach­er sagen. Und dann, an mich gewandt: “Wenn Sie soweit sind, kom­men Sie wieder zu mir. In spätestens ein­er hal­ben Stunde habe ich sämtliche Zugangskarten, Ihre Dien­st­marke, Sozialver­sicherungsnum­mer und diverse weit­ere wichtige Unter­la­gen für Sie. Vielle­icht … nutzen Sie die Zeit auch ein wenig, um sich mit Clay bekan­nt zu machen.” Damit wandten sich Erik und der Beamte um und ver­ließen den Raum, ließen mich allein mit Chan­dler und seinem durch­drin­gen­den Bewacherblick. Ob er mich schon damals beobachtet, meine Schmach mit ange­se­hen hat­te? Oder gar ein­er der Män­ner gewe­sen war, die mir die Haut in Streifen vom Fleisch geschnit­ten, mich versen­gt, gebrand­markt, gedemütigt hat­ten? Ich fühlte mich so unendlich klein unter diesem Blick, klein und elend und nackt. Aber den­noch würde ich ihm stand­hal­ten, würde ihn stolz und unge­brochen erwidern, denn nie­mand, nie­mand würde je wieder die Genug­tu­ung erfahren, Herr über mich zu sein.

 

(مرحب به — [muˈraħħab bihi] — Willkom­men)

(السلام عليكم - [as-sala­mu alaikum] — Der Friede sei mit Euch)