Geryon: Wahre Liebe

„… uuu­und weis­su wash? D‑der …“ Ich rülp­ste laut­stark, als ich aus der Schenke taumelte. „… beeschissener … Wellen­gang mal wieder …“, meinte ich zu meinem imag­inären Kumpel, denn ent­ge­gen mein­er Überzeu­gung war mir nie­mand aus dem Inneren gefol­gt. Nein, ganz im Gegen­teil, in der Schenke ging es mit­tler­weile erst richtig hoch her; grölen­des Gelächter und derbe Sprüche weht­en auf die Straße – oder bess­er gesagt den aufgewe­icht­en Tram­pelp­fad vor dem Haus her­aus, zusam­men mit ein­er Welle übler Gerüche. Kohlein­topf machte sich nicht gut, wenn man ihn mit einem hal­ben Fass bil­ligem Fusel mis­chte, und dann auch noch dieser eklige Ges­tank nach Schweinescheiße … „Ich w… wun­dere mich eeeern­shthafs, dassh die dash Dr-reck­shloch noch nish ssu­jeg­macht haben!“, ließ ich ver­laut­en, während ich mich an der näch­sten Straßen­later­ne ger­ade noch abf­ing. Scheiße, ich kon­nte mich ger­ade irgend­wie nicht mehr daran erin­nern, wie ich über­haupt auf das Schiff gekom­men war. Geschweige denn, wann dieser üble See­gang aufgekom­men war, man kon­nte sich ja kaum auf den Beinen hal­ten! Und immer diese Schw­erkraft, die einem dazwis­chen funk­te, wenn man ein­fach nur mal eben von A nach B wollte! „V‑vom …“ Dies­mal hielt ich mir den mit Dreck ver­schmierten Arm vor den Mund, als ich lau­thals rülp­ste und dann in einen don­nern­den Schluck­auf ver­fiel. Ich besaß schließlich Manieren! „… B‑bug ssum … Heck“, nick­te ich wild und umarmte einen Moment später innig meinen imag­inären Fre­und, die … Pfer­de­tränke.

Hop­pala, da war ich wohl doch noch über meine eige­nen Füße gestolpert, hat­te dabei ja aber doch ein, ahm … her­ab­hän­gen­des Segel, jawohl, also ein Segel erwis­cht, nur dass das Mist­d­ing irgend­wie viel zu schnell nach­gab. Ver­dammt, außer­dem stank es sog­ar an der frischen Seeluft erbärm­lich! „Sscheiße. W‑wie reine Kacke.“ Obwohl … Halt! Langsam hob ich den Blick, schick­te ihn über ein Paar eigentlich doch äußerst dufte Beine, einen schlanken Kör­p­er und … Moment mal. Das musste jet­zt wirk­lich Ein­bil­dung sein. Auf einem Schiff gab es nichts, was so köstlich nach Weibchen roch, nicht ein­mal die Huren, denn die stanken genau­so erbärm­lich wie der Kohlein­topf, gemis­cht mit ranziger Muschi, was in etwa der Schweinescheiße gle­ichkam. Ich steck­te den Kopf kurz­er­hand ins eiskalte Wass­er; was mir unver­mit­telt den Schock fürs Leben ver­passte, so dass ich nur Momente später prus­tend wieder auf­tauchte und mich schüt­telte wie ein nass­er Hund. „Oh.“ Schnell kämpfte ich mich zurück auf die Beine, als ich ver­schwom­men fest­stellte, dass das Weibchen sich immer noch nicht in Luft aufgelöst hat­te, und dass ich es ger­ade so richtig erfrischend und wohltätig meinen feinen, total über­stra­pazierten Geruchssinn stre­ichel­nd fand. Jet­zt wo der Ges­tank nach Schweine­dreck ein wenig nachge­lassen hat­te, umrun­dete ich sie schwank­end, ein bre­ites Grin­sen auf den Lip­pen, wobei ich es sehr schade fand, unter der Kapuze kein Gesicht erken­nen zu kön­nen. „W‑wash me-eine …“ Mein Schluck­auf war jet­zt noch wilder gewor­den, so dass mich das Hick­sen bei beinah jed­er Silbe unter­brach und ich dabei wieder beden­klich ins Wanken geri­et. „… hi-hin-reißhen-den, fass-assinie-ren… den … A‑Augen nicht W‑wun­der­sh-shamesh … er-blick­en!“ Poe­sie war immer schon mein Steck­enpferd gewe­sen. Und meine tief­blauen Augen waren wirk­lich faszinierend. Man kon­nte in ihnen ertrinken. Oh ja. Und wenn ich sie ganz groß machte und ganz treuherzig guck­te, dann … dann … hat­te ich qua­si schon gewon­nen! Ich hat­te es eben ein­fach drauf, die Frauen lagen mir zu Füßen! Alle! „Oh ho-holde … M‑Maid … sho blei-ibt doch … sh-shteh’n!“ Schon griff ich nach ihrem Arm, als sie sich abwandte und fort­ge­hen wollte, wobei ich etwas zu spät merk­te, dass die schnelle Bewe­gung mich prak­tisch von den Füßen riss und … ich mit beinah meinem vollem Gewicht gegen — oder bess­er gesagt auf die junge Dame stürzte.

 

[Gery­on trifft Ariel; nach einem feucht­fröh­lichen Abgang aus der Dorf­schenke und ein­er kurzen, aber inni­gen Bekan­ntschaft mit einem Haufen Schweine-Exkre­mente. *16./17.11.2015]

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerk­samkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzen­tri­ert, hört dem Mann kaum zu, der ger­ade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinan­der, bis mein Rock sich über den Ober­schenkeln span­nt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trom­meln sacht gegen ein Bein des Tis­ches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vor­bei und gibt vor, kein­er­lei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es bess­er. Er inter­essiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm inter­essiert sich nie­mand für mich. Ich lege den Kopf in den Nack­en, drücke den Oberkör­p­er durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusam­men, bändi­ge die dun­klen Sträh­nen zu einem neuen Zopf. Plöt­zlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder tre­f­fen. Er sieht ärg­er­lich aus, fast so, als wollte er mich jet­zt schla­gen. Mein Magen zieht sich zusam­men, mein Herz rast vom Adren­a­lin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufre­gen­der als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheim­nis zwis­chen uns bei­den, zwis­chen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erre­icht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Fre­undin­nen. Ich kann seinen Blick im Rück­en spüren, als er mir nach­sieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mäd­chen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prick­eln im Nack­en; ich kann seine Erre­gung fast kör­per­lich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit ein­er son­der­baren Kraft, so als wür­den Funken zwis­chen meinen Fin­ger­spitzen tanzen.

*****

Tiefe Schat­ten liegen zwis­chen den Bäu­men; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mut­probe, mit der die Jungs uns Mäd­chen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt lock­er in mein­er Hand, ich springe leicht­füßig den schmalen Pfad ent­lang, den ich auch ohne das Tages­licht gut genug kenne, um mich nicht zu ver­laufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkel­heit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Sur­ren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Som­mer-Irrlichter ein­fan­gen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwap­pen, es ist schon spät in der Nacht und die meis­ten Dorf­be­wohn­er sind betrunk­en. Plöt­zlich vernehme ich Schritte hin­ter mir; kleine Kiesel knirschen unter schw­erem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlis­cht erschrock­en, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte näh­ern sich, auch sie sind schneller gewor­den. Ich höre meinen eige­nen Herz­schlag trom­meln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich ste­hen, drehe mich ganz plöt­zlich um, rechne damit, dass ein­er der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Auf­gabe zu erschw­eren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist kein­er mein­er Fre­unde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hun­gri­gen Augen. Ich kenne sie, und auch dies­mal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erle­ichtert, ein bekan­ntes Gesicht zu sehen. Aber jet­zt fühlt es sich vol­lkom­men anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunk­en zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vor­bei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziem­lich gefährlich aus, wie ein Raubti­er auf der Jagd. Immer noch spricht kein­er von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vor­bei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fall­en, ver­suche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach bil­ligem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton her­vor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden gewor­fen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft weg­bleibt. Stun­den später ergießt sich die aufge­hende Sonne über meine nack­te Haut. Heißes Blut benet­zt meine Schenkel und ein wüten­der Schmerz tobt in meinem Unter­leib. Mein Kleid ist zer­ris­sen, das Haar­band ver­loren, die Fin­gernägel abge­brochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wöl­bung meines Bauch­es kaum noch ver­ber­gen. Ich trage die weit­en Klei­der mein­er Mut­ter; sie weiß es und hil­ft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit nie­man­dem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Mor­gen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich füh­le mich so beschmutzt, und diese vie­len Blicke, die mich ver­fol­gen, ich kann mich nicht vor ihnen ver­steck­en. Ich weiß, dass sie es wis­sen, jed­er kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum son­st soll­ten sie mich so anstar­ren? Sie wis­sen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich has­se dieses Ding, das in meinem Bauch her­an­wächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswer­den, mit einem Stein habe ich auf es eingeschla­gen und gehofft, dass sein Herz ste­hen­bleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht ein­fach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jed­er ken­nt ihn, jed­er spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fort­ge­hen, fort von hier. Mut­ter wird mir helfen. Ich ertrage diese vie­len Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dick­en Bauch sehen. Wir gehen in die Wild­nis, dor­thin, wo die Tiere die Nachge­burt fressen. Mut­ter wird dafür sor­gen, dass ich dieses Ding, das aus mir her­auskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich has­se es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunk­er muss ein Ver­mö­gen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir ste­ht. Er trägt feine Klei­dung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Hal­bglatze; sie sind zum größten Teil schon grau gewor­den. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dun­kle, hun­grige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebo­ge­nen Degen an seinem Gür­tel. Ich kann spüren, wie das Met­all seines Eherings über meine Haut gleit­et, als er mit sein­er dick­en Hand über mein Knie stre­icht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufäl­lig eine Hand unter meinen Rock­saum, reibe mit dem Dau­men über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedanken­los, den Blick nun wieder auf den kost­baren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erre­gung spüren. Sie füllt mich mit ein­er eige­nar­ti­gen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusam­menge­ballt hat. Es wäre so ein­fach – ich müsste es nur irgend­wie hin­ter mich brin­gen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich kön­nte sie ein­tauschen, gegen mehr Brot, als ich über­haupt tra­gen kann, und Körbe voll von diesen wun­der­baren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir auf­steigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich wider­set­ze? Wird er sich dann nicht trotz­dem holen, was er will? Hier ist kein Men­sch, weit und bre­it. Zumin­d­est kein­er, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrschein­lich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mäd­chen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blick­en muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich kön­nte meinen leeren Magen monate­lang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkel­nden Stein, der wahrschein­lich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jet­zt nicht mehr so fre­undlich an. Meine Chance ent­gleit­et mir. Ich kann es schnell hin­ter mich brin­gen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe ver­legen meinen Rock­saum zurecht und ste­he auf. Män­nern wie ihm gefällt die Vorstel­lung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazmin­ka. Jazmin­ka Borilo­va“, lüge ich nach ein­er Weile und rolle dabei das R mit mein­er Zunge, wie es der Fürst ange­blich tut. Ich habe ihn noch nie gese­hen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augen­blick­lich aus der Ver­gan­gen­heit und dem wirren angstvollen Kon­strukt her­aus, in das ich mich geflüchtet hat­te und beförderte mich san­ft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jet­zt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicher­heit wieder dieser alles umfan­gen­den Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirnge­spinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hin­ter dieser Berührung steck­te, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in ver­gan­genen Schreck­en fest, fühlte wed­er Selb­stver­ach­tung, noch die Schmerzen und die Demü­ti­gun­gen, die schon längst hin­ter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jet­zt greif­bar, sie war ein unsicht­bares und unwider­ru­flich­es Band, intimer als jedes Wort, jed­er Kuss, jede Umar­mung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und sein­er Natur entsprach als es jede Dis­tanz, jed­er Zweifel, jede furcht­same Leug­nung, die der Ver­stand mir einzure­den ver­suchte, je sein kön­nte. Was Clay in mir her­vor­rief, waren Mut und Stärke, waren Wild­heit und Treue, war eine Ergeben­heit, die nichts mit Erniedri­gung zu tun hat­te, son­dern mein wahres Wesen auf diese san­fte, uner­schüt­ter­liche Weise ansprach, wie es nur der Alpha kon­nte. Er war hart­näck­ig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange fes­thielt, bis seine innere Ruhe und Zuver­sicht mich wie ein wär­mender Strom füllte, meine Trä­nen ver­siegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger wer­den ließ. Jet­zt kon­nte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stun­den; ich wusste nicht, wie viel Zeit verg­ing, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich kon­nte ein­fach zulassen, was zwis­chen uns war, ohne es auch nur einen Augen­blick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sog­ar ohne zu ver­suchen, es zu ver­ste­hen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich fes­thiel­ten, und der uner­schüt­ter­liche Strom sein­er Liebe, der mein Inner­stes aus­füllte; mit ihrer puren Inten­sität jegliche Möglichkeit ein­er anderen Empfind­ung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, ein­fach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehn­lich­er, als geweckt wer­den, aus dem Gefäng­nis ihrer men­schlichen Gestalt befre­it wer­den; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hin­ter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt wor­den, dass ich nichts wert war, und doch hat­te ich immer wieder einen Weg gefun­den, wenig­stens mir selb­st zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hat­te mich aus meinen Fes­seln befre­it, auch wenn diese Frei­heit immer nur vorüberge­hend war; hat­te hart und still und heim­lich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelun­gen, ent­ge­gen aller Widrigkeit­en. Bis zu diesem heuti­gen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille einge­brochen war. Clay ent­fachte ihn, ent­fachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich kon­nte es spüren, deut­lich­er und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Fin­ger an sein­er Brust zusam­men zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd ver­gruben. „Vielle­icht war und bin ich genau­so wenig Men­sch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Über­lebenswillen gab; die Kraft immer weit­er zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazuge­hört, und den­noch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Tat­en, für die sie Allahs Namen miss­braucht­en …“ Plöt­zlich zit­terte ich, run­zelte von einem furcht­samen Beben erfasst die Stirn und senk­te meine Lid­er. „Hast du … es gese­hen? Ich meine, hast du es … mitange­se­hen?“ Es ver­strichen ein paar bange Momente, in denen ich sein­er Antwort har­rte. Dann biss ich mir leicht auf die Unter­lippe, ließ kurz die Zun­gen­spitze fol­gen, als ich den Blick hob und ihn ver­trauensvoll in seinen legte. „Wird das von jet­zt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erin­nerte mich daran, dass er gesagt hat­te, er hätte mein Leben an sich gebun­den. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeu­tung dessen noch nicht annäh­ernd ver­stand. Ich hat­te nicht die ger­ing­ste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirk­lich in ihm wohnte und was dieser Mit­ter­nachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit uner­schüt­ter­lich­er Gewis­sheit: Dass ich ihm fol­gen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm fol­gen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hat­te. Ich wollte fort aus der Welt der Men­schen, die mir immer so fremd gewe­sen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lip­pen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Nor­maler­weise hat­ten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeu­tungslose Nacht. Er ver­ließ sie meist noch im Mor­gen­grauen, und wenn er sie über­haupt mit nach Hause genom­men hat­te, dann gab er noch im Hin­aus­ge­hen Anweisun­gen, dafür zu sor­gen, dass sie ver­schwun­den waren, sobald die Sonne aufging. Das hat­te ein­er­seits damit zu tun, dass er kein­er­lei Inter­esse daran hat­te, das biss­chen Zeit, das ihm zwis­chen­durch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren — auch, wenn es so manch­er Frau vielle­icht gefall­en hätte. Die meis­ten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäen­samm­lung um einen beson­ders dick­en Fang zu erweit­ern und das schnell­st­möglich ihren Fre­undin­nen zu erzählen, was Jayce in weit­er­er Folge wohl genau jenen ein­schlägi­gen Ruf ein­brachte, der in der gesamten Damen­welt kur­sierte. Oft boten sie sich ihm auch scham­los an, um im unpassend­sten Augen­blick seine Gun­st zu gewin­nen: Ver­sucht­en ihn nach allen Regeln der Kun­st dazu zu ver­führen, hier oder da ein Auge zuzu­drück­en, ein gutes Wort beim Fürsten einzule­gen oder bei der näch­sten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubrin­gen. Er war nie darauf einge­gan­gen; im Gegen­teil, hat­te es ihn doch der­maßen angeekelt, wieder ein­mal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vor­getäuscht­en Schön­heit­en lauerten; welche schmutzi­gen Absicht­en hin­ter süß gehaucht­en Worten steck­ten. Eine hat­te sein Bett sog­ar in Hand­schellen ver­lassen, nach­dem sie ver­sucht hat­te, Jayce zum Kom­plizen für einen feigen Anschlag auf die Fürsten­gat­tin zu machen — sie hat­te nie die Gele­gen­heit dazu gehabt, ihren nack­ten, schein­heili­gen Kör­p­er wieder mit Klei­dern zu bedeck­en.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Rich­tung gedacht, seit er Kerike kan­nte … Ganz beson­ders dann, wenn sich ihr zarter Kör­p­er so unbeson­nen, so unver­hofft sehn­süchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigen­tüm­lich­er Duft ihn ein­hüllte. Aber Jayce war nie­mand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Ver­stand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hat­te nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzu­lassen, war eigentlich ohne­hin schon ein wenig zu weit gegan­gen — denn er wusste, dass er sich das nicht leis­ten kon­nte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicher­heit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einiger­maßen entspan­nt hat­te. Und was auch immer sie behaupten mochte — wenn ihre Sym­pa­thie zum Kom­man­dan­ten sich draußen herum sprach, dann steck­te sie in ern­sthaften Schwierigkeit­en. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunk­e­nen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerk­samkeit ger­at­en, was Kerike dur­chaus leicht zu einem begehrten Opfer machen kon­nte. Wenn Jayce zuließ, dass zwis­chen ihnen eine wirk­lich tiefe, emo­tionale Bindung ent­stand, dann machte er nicht nur sich selb­st, son­dern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das — nun, das hat­te sie ganz ein­fach nicht ver­di­ent. Ja, wenn er wirk­lich anf­ing, darüber nachzu­denken, dann bereute er es jet­zt zutief­st, sie nicht von Anfang an ein­fach ignori­ert zu haben. Aber es war unmöglich gewe­sen. Sie war so …

Er nick­te lächel­nd, als sie ihn fra­gend ansah und wartete, bis sie sich von dem Sol­dat­en aus dem Sat­tel helfen hat­te lassen, ehe er selb­st abstieg und ihr langsam hin­ter­her kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeis­terung, genoss es, wie die Emo­tio­nen ihre Züge zum Leucht­en bracht­en. Ja, sie war wie ein flat­tern­der, sin­gen­der klein­er Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu brin­gen war. “Zu Befehl”, schmun­zelte er, als sich die Tür wie von Zauber­hand vor ihnen öffnete und Ste­fan, der But­ler, in weiß behand­schuhter Livree ihnen mit ein­er Ver­beu­gung Platz zum Ein­treten machte. “Willkom­men, Herr Fer­gus­son!”, begrüßte er Jayce mit ern­ster Miene, zauberte dann aber sogle­ich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. “Einen wun­der­schö­nen guten Abend, die Dame”, galt ihr sodann sein fre­undlich­er Gruß. “Guten Abend, Ste­fan”, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Haus­es folge und der But­ler die Türen hin­ter ihnen wieder schloss. Sie fan­den sich in ein­er weitläu­fi­gen Ein­gang­shalle wieder; der auf Hochglanz polierte Stein­bo­den, der eine ähn­lich feine Maserung aufwies wie Mar­mor, war von roten Läufern durch­zo­gen. Schwere Kerzen­lus­ter taucht­en den Raum in gold­enes Licht und an den Wän­den spielte eine Unzahl von Reflex­io­nen, wo auch immer die Flam­men von den Blei­glas­trä­nen gebrochen wur­den, die die Leucht­en zierten.

Große Töpfe mit exo­tis­chen Pflanzen haucht­en der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine aus­ladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befan­den sich großzügige Kor­ri­dore, durch die man weit­er ins Innere des Haus­es gelangte. “Nun … zum einen mit Ste­fan — er küm­mert sich um alle Annehm­lichkeit­en und ver­ste­ht zudem auch recht viel davon, das Haus handw­erk­lich in Schuss zu hal­ten.” Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Haus­es, nur über einen kleinen Grund­stock an Bedi­en­steten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend sel­ten mehr als das Nötig­ste an Arbeit an. “Und dann …” Seine weit­eren Worte erübrigten sich, oder gin­gen genau genom­men schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit paus­bäck­igem Gesicht und vom Leben geröteten Wan­gen die Kellertreppe her­aufkam. Ihr pech­schwarzes Haar hat­te sie zu einem dick­en Knoten auf dem Hin­terkopf gebun­den, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Sträh­nen zurück­zuhal­ten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fie­len. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen ent­ge­gen. “Miester Fär­gas­son!”, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartof­feln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit aus­ge­bre­it­eten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie bei­de gle­ichzeit­ig in eine über­schwängliche Umar­mung schließen. “Wielkomen, wielkomen! Und cher­zlich­es Wielkomen auch die entzieck­ende junge Dame!” Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwe­sen­heit von Ljud­mi­la gelang es selb­st ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune ansteck­en zu lassen. Sie war eine typ­is­che rus­sis­che Mamusch­ka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, son­dern schenk­te ihm nur ein bre­ites Lächeln, ergriff aber sogle­ich Kerikes Hand mit ihren bei­den schwieli­gen, run­zeli­gen Hän­den und strahlte sie ger­adezu an, während ihr Blick einen ver­schwörerischen Zug annahm. “Chabe ich glieck­liche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Fär­gas­son wierd cheute Abend wieder kom­men zurieck! Bin iech cheute gegan­gen und fri­esche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…” Sie blinzelte, als sie bemerk­te, dass sie wieder ein­mal schneller gesprochen als gedacht hat­te und zog grin­send die Augen­brauen hoch, Kerikes Hand immer noch fes­thal­tend. “Chast du sich­er auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knoche­lich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwis­chen chieb­sche Zäh­nchen.”

“Kerike, wenn ich dir Ljud­mi­la vorstellen darf — sie ist die gute Seele dieses Haus­es und zudem bes­timmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr steck­en noch viel mehr Qual­itäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.” Er grin­ste Ljud­mi­la flüchtig an, als teil­ten die bei­den ein paar Geheimnisse miteinan­der und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljud­mi­la küm­merte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hin­ter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wis­sen, was vor allem auch die ein­heimis­chen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce’ Arbeit mit dem einen oder anderen Mit­telchen gezielt unter­stützen zu kön­nen. Zudem ver­stand sie sich auch ein wenig auf die Kräuter­heilkunde — und natür­lich die unver­wech­sel­baren Aromen, die sie mit deren Hil­fe ihren Speisen ent­lock­en kon­nte. “Küm­mere dich gut um sie, Ljud­mi­la — Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.”

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment ver­achtete ich ihn. Ich ver­achtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es lock­er gekon­nt hätte. Und am meis­ten Ver­ach­tung emp­fand ich dafür, dass er ihn ein­fach hin­nahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstal­ten zu machen, sich zur Wehr zu set­zen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kan­nte. Ich kon­nte sehen, riechen, fühlen, wie er inner­lich kurz vor der Explo­sion stand und sich trotz­dem zurück­hielt, und ich kon­nte nicht anders, als ihn dafür zu ver­acht­en. Zumin­d­est … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kom­men sah, so wut­sprühend wie ich ihm all meine Ver­ach­tung in Worten ent­ge­gen spuck­te. Er sprang mich an wie ein ent­fes­sel­ter Berserk­er; ich hat­te keine Chance, über­haupt zu reagieren oder auch nur über­rascht zu sein, don­nerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereis­ten, von ein­er dün­nen Schneeschicht bedeck­ten Boden, dass zu allen Seit­en gefrorene Eiskristalle auf­s­to­ben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messer­schnitt an mein­er Wange spüren kon­nte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich wed­er regen, noch dem irren Lachen nachgeben kon­nte, das mir plöt­zlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hat­te mich schon so daran gewöh­nt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erle­ichterung war. Sollte er doch zuschla­gen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurück­zuschla­gen, denn das war ver­dammt nochmal etwas, wom­it ich bestens umge­hen kon­nte! Ganz im Gegen­satz zu den um Wel­ten härteren Schlä­gen, die er jet­zt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, wom­it ich über­haupt nicht klar kam; das war etwas, was wirk­lich wehtat und was ich nicht ein­fach mit meinem Kör­p­er und zusam­menge­bis­se­nen Zäh­nen abfan­gen kon­nte. Und ich ver­stand … Mit einem Mal ver­stand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes müh­sam unter­drück­te Beben von Schmerz in sein­er Stimme. Hätte er mit einem Mess­er in meinen Eingewei­den gewühlt, es hätte nicht ver­nich­t­en­der sein kön­nen. Ich war mir so … so ver­flucht sich­er gewe­sen, dass ich bere­it war, bere­it, jet­zt endlich hinzuse­hen, mir das Leid anzuse­hen, das ich ver­schuldete, nach­dem ich mehr als ein halbes Jahrhun­dert lang die Augen davor ver­schlossen hat­te. Aber ich war es nicht; wäre ver­mut­lich niemals bere­it dafür gewe­sen. Wir bei­de wussten, wie Recht er mit dem hat­te, was er mir an den Kopf warf – und wir bei­de wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selb­st galt.